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Geschichte der Gemeinde

Zweite Umarbeitung des Dokuments, nach weiteren Einfügungen, Berichtigungen, Streichungen durch Vr. Alexej, als Arbeitsvorlage evtl. zur Korrektur durch Erzbischof Mark

Geschichte der Gemeinde

Erster Teil

Die Russische Orthodoxe Kirche zählt heute weltweit ca. 100 Millionen Gläubige. Das höchste Leitungsorgan der Kirche ist das Bischofskonzil. Das Oberhaupt der ROK ist der Patriarch von Moskau und Ganz Russland (von 1991 – Alexej II., seit 1. 9. 2009 Patriarch Kyrill). Die Russische Kirche vereint heute sowohl verschiedene autonome Teilkirchen (Belorussland, Ukraine, Japan) wie auch seit 2007 die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland. Zu dieser gehört auch die Diözese des Orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland. Letztere ist die älteste orthodoxe Kirchenordnung auf deutschem Boden (18. Jhdt.).

Die erste Stadt, in der im deutschen Sprachraum regelmäßig orthodoxe Gottesdienste stattfanden, war Königsberg in Ostpreußen seit 1655. Es folgten 1750 Breslau und 1829 Potsdam mit der Weihe der Hl. Alexander Newski-Kirche. Die Weihe erfolgte am 11. 9. 1829 durch den Erzpriester der russ. Gesandtschaft in Berlin, Johann Borisowitsch Tschudowski, in Gegenwart von Friedrich Wilhelm III. – Wenig später erfolgt ein Synodalbeschluss vom 5. 5. 1839: “die Gottesdienste sind in deutscher Sprache zu feiern”! Die bekannte „Alexandrowka“-Siedlung wurde 1820 von König Friedrich III. in Potsdam erbaut und gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Vor allem war die Siedlung ein Zeichen der Freundschaft zwischen dem König Friedrich III. von Preußen und dem Zaren Alexander I. von Russland. In „Alexandrowka“ wohnten vor allen die Familien des von Zar Alexander I. seit 1813 finanzierten Militärchores.

Das Zentrum für das kirchliche Leben in Berlin blieb aber vorerst die Kirche des hl. Wladimir in der russischen Botschaft. Von 1886 – 1914 war dort der Erzpriester Alexios von Maltzew tätig. Die Gründung eines Wohltätigkeitsvereins geht auf ihn zurück: Die orthodoxe Bruderschaft des hl. Fürsten Wladimir. Die Gründungsversammlung fand am 10. April 1890 statt. Der Verein legt in Tegel einen Friedhof an und lässt dort die Kirche der Hll. Konstantin-und-Helena bauen, eingeweiht am 21. 5./3. 6. 1894. Dem Friedhof gegenüber wird 1895 das Kaiser-Alexander-Heim errichtet „Zum Gedenken an Zar Alexander III.“. Es war ein Pflegeheim mit Werkstätten, Gärtnerei und einer Druckerei und ein Sitz der Bruderschaft. Bekannt war Alexios von Maltzew aber vor allen als Übersetzer und Theologe. In ca. 20 Bänden gab er alle wichtigen liturgischen Texte zweisprachig heraus. Der wichtigste Helfer dabei war der Priester Basilios Antonowitsch Goeken (1845 – 1915).

Der Verlag des Hl. Wladimir-Wohltätigkeits-Vereins „Bratswo“ blieb aber weiterhin bei der Kaiserlichen Botschaft zu Berlin. Von hier aus wird 1911 zum Bau einer russischen Kathedrale aufgerufen: КпостроениюАндреевскогохрама=соборавБерлине. Planungen und Sammlungen waren im vollen Gang, als mit dem Ersten Weltkrieg alles vorbei war. Maltzew starb in Russland 1915, sein Grab in St. Petersburg – Goeken 1915 in Berlin, sein Grab in Tegel.

Zwar kam zuletzt Zar Nikolaus II. mit dem Großfürsten Kirill Wladimirowitsch noch einmal nach Deutschland, am 17. Und 18. Oktober 1913, zur Einweihung der russisch-orthodoxen Kírche und zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig. Auch Kaiser Wilhelm II und König Friedrich August III. waren dort gewesen. Doch ein Jahr später begann der Weltkrieg.

Und damit befinden wir uns beim schweren Schicksal der russischen Emigration in den orthodoxen Kirchengemeinden im 20. Jahrhundert. Denn nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution flohen Millionen Russen vor dem blutigen Bürgerkrieg und der anschließenden größten Christenverfolgung der Weltgeschichte aus ihrer Heimat nach China, Australien, Westeuropa und Amerika.

In den 20er Jahren lebten daher über 200.000 Russen in Berlin. Hier gab es bald zahlreiche Verlage, Theater, Restaurants, Schulen und Unternehmen – aber auch die ersten orthodoxen Gemeinden. Doch die Armut unter den Flüchtlingen, die oft alles verloren hatten, war groß. Deswegen waren Berlins Arbeitsbezirke wie Wedding und Mitte nicht selten die erste Zufluchtsstätte.

Berlins russische Lieblingsviertel waren jedoch Charlottenburg und Wilmersdorf – und hier wurde auch die erste Russische Orthodoxe Kirche erbaut. Um den Prager Platz herum entstand ein Zentrum russischer Intellektueller, Schriftsteller, Buchhändler und Verleger. 1923 wurde die Russische Gemeinde aus der Botschaft Unter den Linden vom neuen sowjetischen Gesandten an die Luft gesetzt und zog in das Mariannen-Haus in der Nachodstraße 10. Im Jahr 1925 baute der deutsch-russische Schulverein das Mariannen-Haus zu einem Asyl- und Flüchtlingsheim aus und eröffnete dort die Schule des Hl. Georg, ein deutsch-russisches Realgymnasium. Der spätere Bischof Tychon (Timofej Ljaschtschenko, 1875-1945) eröffnete kurzfristig in zwei miteinander verbundenen Klassenräumen eine Kapelle, die Kirche des Hl. Wladimir hieß. Diese war aber für die zahlreichen Gläubigen viel zu klein.

Die Armut der Emigranten war die Ursache, dass von 1914 bis zum Zweiten Weltkrieg in ganz Deutschland nur ein einziges orthodoxes Gotteshaus neu erbaut wurde, die Russische Kathedrale in Berlin-Wilmersdorf. Bischof Tychon gelang es hier, auf einem Grundstück am Hohenzollerndamm/Ecke Ruhrstraße, im Zusammenhang mit der Errichtung eines großen Wohnkomplexes am Fehrbelliner Platz, ab dem 2. Stockwerk die Orthodoxe Kirche zur Auferstehung Christi zu errichten. Die Kirche wurde von Metropolit Antonij am 5. 11. 1928 eingeweiht. Am 8. 12. 1928 fand im Parterre des Hauses die Eröffnung der “Domklause” statt. Aber schon am 8. 10. 1929, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, wird die russische „Stockwerks-Kirche“ wegen finanzieller Nöte versteigert. Der Erwerber des Komplexes gestattete jedoch schließlich dem russischen Bischof Tychon „die Kirche in dem Hause zu belassen”.

Doch der Frieden war nicht von langer Dauer. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 vergingen nur wenige Jahre, bis die Nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront den gesamten Gebäude-Komplex in welchem sich auch die alte Kathedrale befand, für die Deutsche Lebensversicherung nutzen wollte. Die bevorstehende Propagandashow der Olympischen Spiele 1936 verhinderte wahrscheinlich eine noch rüdere Entscheidung.

Im April 1936 wurde darauf der Russischen Kirche am Hoffmann-von-Fallersleben-Platz ein Grundstück zur Verfügung gestellt. Die Ausführung des Baues erfolgte durch die Staatsbauverwaltung nach Entwürfen und unter der Bauleitung des Ministerialrates Karl Schellberg. Der gesamte Bau wurde ausschließlich mit dem „Scherflein der Witwe“ finanziert, sprich den Spenden der russischen Emigranten. Die feierliche Grundsteinlegung der neuen Kathedrale erfolgte am 31. 8. 1936, und diese wurde am Pfingstsonntag, den 30. 5. (jul. Kal.)/12. 6. (greg. Kal.) 1938 von Metropolit Anastasij aus Serbien/Karlowitz (Russische Auslandskirche) eingeweiht. Vorsteher der neuen Gemeinde wurde Bischof Seraphim (Lade), und Erzbischof Tychon wurde in den Ruhestand verabschiedet.

Die russischen Emigranten und die Kirchengemeinden überstanden die nachfolgende Zeit und den Weltkrieg mit vielen Opfern, unter großem Leid, Kirchenverfolgung und Rassenhass. Das Mitglied der Münchener Russischen Orthodoxen Gemeinde und Mitbegründer der Weißen Rose Alexander Schmorell war eines dieser Opfer.

Am 1. 6./14. 6. 1942 (dritter Sonntag nach Pfingsten) besuchte Bischof Gorazd von Prag den Metropoliten Seraphim (Lade) in Berlin wegen einer Bischofsweihe zu Potsdam. Abt Philipp vom Kloster Wladimirowo in den Karpaten sollte Bischof von Potsdam und „Vikar“-Bischof von Metropolit Seraphim werden. Doch bereits am Dienstag, den 3. 6./16. 6. 1942 erhält Bischof Gorazd hier in Berlin die erste Nachricht, dass sich die Attentäter von Heydrich in seiner Kirche in Prag versteckt haben. Am Donnerstag, den 5. 6. /18. 6. werden sie dort entdeckt und getötet. Bischof Gorazd u.v.a. werden sofort verhaftet und in Prag am Freitag, den 22. 8./4. 9. 1942 hingerichtet – und nach dem Krieg heiliggesprochen.

Wie durch ein Wunder überstand die Russische Kathedrale in Berlin den Krieg unzerstört. Doch während viele russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene vor der Repatriierung und Zwangsarbeit in Stalins Gulag erneut Richtung Amerika und Australien auswanderten, wurden die einstigen Erbauer der Kathedrale erst einmal von einer Kompanie Rotarmisten „per Abstimmung“ vertrieben. Die Vertriebenen wurden von einer griechisch-orthodoxen Hausbesitzerin in der Kulmbacher Straße 10 in Berlin-Schöneberg aufgenommen. Man erinnere sich an die damalige Wohnungsnot und die zerstörten Straßenzüge. Die Kirche wurde dort 1948 unter dem „Schutz der Gottesgebärerin“ neu gegründet und erhielt den Namen Pokrow.

Die Auferstehungs-Kathedrale unterstand von 1945 bis 1948 dem Moskauer Hierarchen Alexander Nemolowskij, vom 1948 bis 1950 Sergius Koroljow, der wohl aus Prag kam, und von 1950 bis 1954 Boris Wik, der damals sehr bekannt war. Nach umfangreicher Rekonstruktion wurde die Kathedrale m 26. 10. 1952 neu geweiht.

Der Mauerbau 1961 und die Abwanderung der russischen Emigration ließen dem Gemeindeleben in den russischen orthodoxen Kirchen (Hohenzollerndamm, Kulmbacher Straße, Tegel) in den Jahren bis zum Fall des Eisernen Vorhangs und der deutschen Wiedervereinigung kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Doch die Bischöfe, Priester und Gläubigen der Russischen Kirche in Berlin und Deutschland vermochten ihre kirchlichen Traditionen unter oft schweren Bedingungen zu bewahren. So erinnert sich S.E. Mark von Berlin und Deutschland, dass die Priester seiner Gemeinde in den 60er und 70er Jahren oft unter Polizeischutz standen – aus Angst vor Entführungen durch die sowjetischen Geheimdienste. Auch dies ist ein ungeschriebenes Kapitel des Kalten Krieges. Nach dem Zerfall der Sowjetunion fanden mehr als 3 Mio. russischsprachiger Übersiedler in Deutschland eine neue Heimat. Mehr als ein Drittel von ihnen sind russisch-orthodoxen Glaubens. Und wieder waren die orthodoxen Kirchen viel zu klein für den Andrang der zahlreichen neuen Gemeindemitglieder. Und wieder zählt die russischsprachige Gemeinde Berlins, so der zuständige Senator, über 200.000 Menschen mit ständigem Wohnsitz in unserer Stadt.

 

 

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