Erzpriester Dimitri Karpenko. Erläuterung der Liturgie der Vorgeweihten Gaben.

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Quelle: http:/www.pravmir.ru/obyasnenie-liturgii-prezhdeosvyashhennyx-darov/

19. März 2013

Editorial: Die Liturgie der Vorgeweihten Gaben ist eine der schönsten Gottesdienste der Großen Fastenzeit. Die Gläubigen streben danach, wenigstens einmal während des Fastens daran teilzunehmen, und teilzuhaben an den Heiligen Mysterien Christi. Vor einigen Jahren fand in der Kathedrale von Belgorod eine Liturgie der Vorgeweihten Gaben statt, welche im Laufe des Gottesdienstes durch Kommentare begleitet wurde. Wir hoffen, dass die Kommentare zu diesem
Dienst den Lesern unserer website nützlich sein werden.

 

Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Jetzt wird die Liturgie der Vorgeweihten Gaben stattfinden. Das ist ein Gottesdienst, welcher hauptsächlich an Tagen besonderer Enthaltsamkeit und strengen Fastens durchgeführt wird: mittwochs und freitags, an allen Tagen während der Heiligen Vierzigtägigen Fastenzeit.
Die Liturgie der Vorgeweihten Gaben ist ihrem Wesen nach vor allem ein Abendgottesdienst, genauer gesagt, eine Eucharistiefeier nach der Vesper.
In der Großen Fastenzeit enthalten wir uns, nach der kirchlichen Regel, mittwochs und freitags vollständig des Essens bis zum Sonnenuntergang. Diese Tage sind geheiligt durch besonders anstrengende körperliche und geistige Kämpfe in  Erwartung der Teilhabe an Leib und Blut Christi, und diese Erwartung unterstützt uns in unserem Kampf, sowohl auf geistiger wie auch auf körperlicher Ebene. Das Ziel dieses Kampfes besteht aus Freude in Erwartung der abendlichen Eucharistie.
Bedauerlicherweise ist heute das Verständnis der Liturgie der Vorgeweihten Gaben als einer abendlichen Eucharistiefeier praktisch verlorengegangen, und deshalb wird überall der Dienst hauptsächlich am Morgen durchgeführt, so auch jetzt.

 

Der Gottesdienst beginnt mit dem Großen Abendamt, aber der erste Ausruf des Priesters: “Gesegnet sei das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit”, ist der gleiche wie in der Liturgie des hl. Chrysostomos und Basilios des Großen, so dass der ganze Gottesdienst auf die Hoffnung des Königreichs gerichtet ist, auf die geistige Erwartung, welche auch die gesamte Große Fastenzeit bestimmt.
Dann folgt wie gewohnt die Lesung von Psalm 103, “Preise, meine Seele, den Herrn“. Der Priester liest die Stillen Gebete, in welchen er den Herrn darum bittet, dass Er “erfülle unseren Mund mit Deinem Lob … damit wir Deinen heiligen Namen verherrlichen können“[1], „und während der übrigen Zeit dieses Tages den verschiedenen Anschlägen des Bösen entgehen”, „und ihn ohne Tadel beenden in Gegenwart Deiner Herrlichkeit“.

 

Nach dem Ende der Lesung von Psalm 103 spricht der Diakon die Große Ektenie, mit welcher auch die volle Liturgie anfängt.
“In Frieden lasset uns beten zum Herrn“, das sind die ersten Worte der Ektenie, welche bedeuten, dass wir im Frieden der Seele unsere Gebete beginnen müssen. Zuerst müssen wir uns mit allen aussöhnen, denen wir ihre Kränkungen vorhalten, die wir selber beleidigt haben – eine unerlässliche Voraussetzung für unsere Teilnahme an der Liturgie. Der Diakon selbst spricht keine Gebete, er hilft lediglich im Vollzug des Gottesdienstes, ruft die Menschen zum Gebet. Und wir alle, die wir antworten mit “Herr, erbarme dich”, sollten teilnehmen am gemeinsamen Gebet, weil das Wort “Liturgie” gemeinsamer Dienst bedeutet.
Alle, die in der Kirche beten, sind nicht passive Zuschauer, sondern Teilnehmer am Gottesdienst. Der Diakon ruft uns zum Gebet, der Priester bringt im Namen aller in der Kirche Versammelten das Gebet dar, und wir alle erscheinen als Teilnehmer im Gottesdienst.

Während der Ektenie liest der Priester das Gebet, wo er den Herrn bittet, “leihe Dein Ohr unserem Gebet und merke auf die Stimme unseres Flehens“[2].
Nach dem Ende der Ektenie erfolgt ein Ausruf des Priesters und der Leser beginnt mit dem Lesen des 18. Kathismas, welches aus Psalmen (119-133) besteht, genannt “Lieder des Aufstiegs.” Sie wurden gesungen auf den Stufen des Tempels von Jerusalem, als sie hinaufstiegen. Das waren Lieder von Menschen, die sich versammelten zum Gebet, die sich vorbereiteten auf die Begegnung mit Gott.
Während der Lesung des ersten Teils des Kathismas legt der Priester das Evangelium beiseite, entfaltet das heilige Antimension, legt dann das Lamm, das bei der Liturgie am Sonntag geweiht wurde, mit Hilfe der Lanze und des Löffels auf den Diskos und stellt vor ihn die entzündete Kerze.

 

Danach spricht der Diakon die sog. Kleine Ektenie. „Wieder und wieder lasset uns in Frieden zum Herrn beten“[3] (vor Ort in kirchenslawisch, A.d.Ü.). “Herr, erbarme Dich”, antwortet der Chor, und zusammen mit ihm auch alle, die versammelt sind. Zu diesem Zeitpunkt folgt das Gebet des Priesters:
“Herr, verwirf uns nicht in Deinem Zorn und züchtige uns nicht in Deinem Grimm… Erleuchte die Augen unserer Herzen, damit sie Deine Wahrheit erkennen … denn Dein ist die Macht, Dein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit…[4]“.

 

 

Dann folgt der zweite Teil der Lesung des 18. Kathismas, zu welcher Zeit der Priester eine dreifache Beweihräucherung des Altartischs mit den Heiligen Gaben und eine Große Metanie vor dem Altartisch vollzieht. Und wieder wird die “Kleine” Ektenie gesprochen, während der Priester das Gebet liest:
„Herr, unser Gott, gedenke unser, Deiner schuldhaften und unnützen Diener … Gib uns gnädig Herr, was wir zu unserem Heil erbitten und würdige uns, Dich gleichzeitig zu lieben und zu fürchten aus ganzem Herzen… denn ein gütiger und menschenliebender Gott bist Du…“[5].

 

Es wird nun der letzte, dritte Teil des Kathismas gelesen, währenddessen die Übertragung der Heiligen Gaben vom Altar- zum Rüsttisch (Prothesis) geschieht.  Das wird durch den Ton eines Glöckchens signalisiert, wonach alle Versammelten, hingewiesen auf die Bedeutung und Heiligkeit des Augenblicks, niederknien sollen. Nach der Übertragung der Heiligen Gaben auf die Prothesis ertönt wiederum das Glöckchen, was bedeutet, dass man sich schon von den Knien erheben darf.
Der Priester gießt Wein in den Kelch, bedeckt die heiligen Gefäße, aber spricht nichts dazu. Nach Abschluss des dritten Teils des Kathismas folgt aufs Neue die „kleine“ Ektenie und der Ausruf des Priesters.
Chor beginnt mit Versen aus den Psalmen 140 und 141, “Herr, ich schrie zu Dir, erhöre mich”[6] und mit den für diesen Tag bestimmten Stichiren.
Stichiren, das sind liturgische poetische Texte, in welchen sich das Wesen des Festtags spiegelt. Während dieses Gesangs beräuchert der Diakon den Heiligen Tisch und die ganze Kirche. Weihrauch ist  ein Symbol für unsere Gebete, die wir zum Herrn erheben. Während des Gesangs der Stichiren vollziehen die Zelebranten bei „Und jetzt…“ die Feierliche Einzugsprozession. Vom Vorsteher wird das Gebet gelesen:

„Abends, morgens und mittags loben wir Dich, preisen wir Dich, danken wir Dir… lass unsere Herzen nicht abirren zu schlechtem Reden und Sinnen, sondern befreie uns von allem, was unseren Seelen schaden kann… Dir gebührt aller Ruhm, alle Ehre und Anbetung, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist…“[7].
Der Geistliche tritt heraus auf die Solea (Erhöhung vor dem Altarzugang), und der leitende Zelebrant segnet den Heiligen Einzug mit den Worten: “Gepriesen sei (†) der Einzug Deiner Heiligkeit, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit[8]“! Der Diakon, der mit dem Weihrauchgefäß das Zeichen des Heiligen Kreuzes macht, ruft laut:  “Weisheit, stehet aufrecht!”. Aufrecht, d.h. heißt „gerade Stehen, ehrfürchtig“.
In der Alten Kirche, als die Gottesdienste deutlich länger dauerten als die heutigen, setzten sich die in der Kirche Versammelten, standen auf in besonders wichtigen Momenten. Der Ausruf des Diakons, der fordert, gerade und ehrfürchtig zu stehen, erinnert uns an die große Bedeutung und Heiligkeit des vollendeten Einzugs. Der Chor singt den alten kirchlichen Hymnus „Heiteres Licht“[9].
Die Geistlichen schreiten zum Heiligen Altar zurück und vollziehen den Gang zum hohen Thron (erhöhter Ort hinter dem Altartisch, A.d.Ü.). An dieser Stelle machen wir einen besonderen Halt, um die nächsten Schritte zu erklären. Uns allen wünsche ich, auf verständige Weise an der Gottesdienstfeier teilzunehmen.
Nach “Heiteres Licht”
Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Nachdem der Einzug vollzogen wurde, gehen die Geistlichen zum hohen Thron. An jenen Tagen, wo der Abendgottesdienst gesondert stattfindet, stellen der Einzug und der Gang zum hohen Thron den Höhepunkt des Gottesdienstes dar.
Jetzt hat die Zeit der Verkündung eines besonderen Prokimenon begonnen. Das Prokimenon ist ein Vers aus der Heiligen Schrift, in der Regel aus den Psalmen. Für das Prokimenon wird ein besonders kräftiger, ausdrucksvoller und dem Anlass entsprechender Vers ausgewählt. Das Prokimenon besteht aus jenem Vers, der im eigentlichen Sinn Prokimen genannt wird, und aus einem oder drei „Stichen“, welche der Wiederholung des Prokimen vorausgehen. Das Prokimen erhielt seinen Namen daher, dass es der Lesung aus der Heiligen Schrift vorausgeht.
Heute werden wir zwei Abschnitte aus der Heiligen Schrift des Alten Testaments hören, entnommen dem Buch Genesis und den Sprüchen Salomos. Zum besseren Verständnis werden diese Abschnitte in russischer Übersetzung gelesen. Zwischen diesen Lesungen, welche Parömien genannt werden, wird ein Ritus vollzogen, welcher uns vor allem an die Zeiten erinnert, wo das Große Fasten hauptsächlich eine Vorbereitung der Katechumenen auf die heilige Taufe war.
Während der Lesung der ersten Parömie nimmt der Priester die entzündete Kerze und das Weihrauchgefäß. Nach Beendigung der Lesung macht der Priester mit dem Rauchfass das heilige Kreuzzeichen und ruft laut: “Weisheit, stehet aufrecht!” und fordert damit auf zu besonderer Aufmerksamkeit und Ehrfurcht, eine besondere Weisheit aufzeigend, welche der gegenwärtige Augenblick birgt.
Dann wendet sich der Priester den Versammelten zu, und ruft aus, während er sie segnet: “Das Licht Christi erleuchtet alle!”. Die Kerze ist ein Symbol für Christus, das Licht der Welt. Das Anzünden der Kerzen zur Zeit der Lesung aus dem Alten Testament bedeutet, dass alle Prophezeiungen in Christus sich erfüllt haben. Das Alte Testament führt zu Christus, so wie das Große Fasten zur Erleuchtung der Katechumenen führt. Das Licht der Taufe, welches die Katechumenen mit Christus vereint, öffnet ihren Geist für das Verständnis der Lehre Christi.

In Übereinstimmung mit der Tradition sinken in diesem Augenblick alle Teilnehmer auf die Knie, wozu sie der Klang des Glöckchens vorab ermahnt. Im Anschluss an die  Worte des Priesters erinnert der Klang des Glöckchens daran, dass man sich von den Knien erheben darf.
Es folgt ein zweiter Auszug aus der Heiligen Schrift, aus dem Buch der Sprüche Salomos, welcher auch in russischer Übersetzung gelesen wird. Nach der zweiten Lesung aus dem Alten Testament gehört es sich nach der vorgeschriebenen Ordnung fünf Verse aus dem abendlichen Psalm 140 zu singen, beginnend mit dem Vers:  „Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht…“[10].

 

Zu jener Zeit, als die Liturgie noch nicht die heutige Festlichkeit erlangt hatte, und einfach der Teilhabe am Abendmahl diente, wurden diese Verse während der Eucharistie gesungen. Jetzt bilden Sie eine sehr schöne büßende Einführung zum zweiten Teil des Gottesdienstes, das heißt der Liturgie der Vorgeweihten Gaben selbst. Während des Gesangs „Aufsteige mein Gebet…“ liegen alle Versammelten am Boden, und der Priester, der am Altartisch steht, beweihräuchert diesen und dann den Opfertisch, auf welchem sich die Heiligen Gaben befinden.

 

Am Ende des Gesangs wird vom Priester ein Gebet gesprochen, das alle Gottesdienste des Großen Fastens begleitet, das Gebet des Heiligen Ephrem des Syrers. Dieses Gebet, dass von Niederwerfungen zum Boden begleitet wird, schafft das rechte Verständnis unseres Fastenwerks, das nicht einfach nur ein Sich-Enthalten bei der Nahrung einschließt, sondern die Fähigkeit, die eigenen Sünden zu sehen und gegen sie zu kämpfen.
Zu jenen Tagen, wo die Liturgie der Vorgeweihten Gaben mit dem Patronatsfest zusammenfällt, oder in anderen Fällen, welche kanonisch festgelegt sind, gehört eine Lesung aus den Apostelbriefen und ein Kapitel aus dem Evangelium. Heute ist eine solche Lesung nach dem Kanon nicht vorgeschrieben, das heißt, sie findet nicht statt. Vor der Inständigen Ektenie machen wir mit Euch nochmals einen Halt, um besser den weiteren Gang des Gottesdienstes zu verstehen. Der Herr möge allen beistehen!

 

Nach „Auf steige mein Gebet…“

 

Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Der Abendgottesdienst („vetschernja“) ist beendet, und der gesamte folgende Verlauf des Gottesdienstes ist schon unmittelbar die Liturgie der Vorgeweihten Gaben. Jetzt wird vom Diakon die Inständige Ektenie vorgetragen, bei welcher wir mit euch unsere Gebete verstärken sollen. Zur Zeit des Ausrufens dieser Ektenie betet der Priester dafür, dass der Herr unser inbrünstiges Flehen annehmen möge, und auf Sein Volk, das heißt, auf uns alle, die in der Kirche versammelt sind und Seine unerschöpfliche Barmherzigkeit erwarten, herabsenden möge Seine reiche Gnade.

 

Das namentliche Gedenken für die Lebenden und Entschlafenen entfällt in der Liturgie der Vorgeweihten Gaben. Es folgt dann die Ektenie für die Katechumenen. In der alten Kirche ging dem Mysterium der Taufe eine lange Phase der Belehrung voraus, für die, die Christen werden wollten.

 

Das Große Fasten, das ist gerade die Zeit intensiver Vorbereitung auf die Taufe, welche gewöhnlich vollzogen wurde am Großen Samstag oder am Pas’cha-Fest. Diejenigen, die sich vorbereitet hatten, das Mysterium der Taufe zu empfangen, besuchten spezielle katechetische Unterrichtsstunden, in welchen ihnen die Grundlagen der orthodoxen Glaubenslehre erklärt wurden, um ihr künftiges Leben in der Kirche sinnvoll zu gestalten. Die Katechumenen besuchten auch Gottesdienste, insbesondere die Liturgie, an welcher sie teilnehmen konnten, bis zur Ektenie für die Katechumenen. Zur Zeit ihrer Ausrufung fordert der Diakon alle Gläubigen auf, d.h. die ständigen Mitglieder der orthodoxen Gemeinde, für die Katechumenen zu beten, damit der Herr sich ihrer erbarme, ihnen das Wort der Wahrheit darlege, ihnen die Gerechtigkeit des Evangeliums offenbare. Und der Priester betet zu dieser Zeit zum Herrn und bittet Ihn darum, dass Er sie befreie (d.h. die Katechumenen) von alten Schlingen und Listen des Widersachers… und sie zur geistlichen Herde Christi hinzuzähle.

 

Von der Mitte des Fastens an wird noch die Ektenie für die „Täuflinge“, d.h. für die, die schon „bereit zur (Erleuchtung) Taufweihe“ sind, hinzugefügt. Die Phase lang dauernder Belehrung geht zu Ende, welche in der Alten Kirche sich auf einige Jahre erstrecken konnte, und die Katechumenen wechseln zur Stufe der „Täuflinge“, und schon bald wird an ihnen das Mysterium der Heiligen Taufe vollzogen. Der Priester betet zu dieser Zeit, dass der Herr sie im Glauben stärken, ihre Hoffnung festigen, sie in der Liebe vervollkommnen möge, und verwies auf würdige Mitglieder des Leibes Christi.

 

Hiernach ruft der Diakon laut, dass alle Katechumenen, alle, die sich zur Taufweihe vorbereitet haben, die Kirche verlassen sollen. Nun dürfen in der Kirche nur Gläubige beten, d.h. nur getaufte orthodoxe Christen. Nach dem Fortgang der Katechumenen folgt die Lesung zweier Gebete der Gläubigen.

 

Im ersten bitten wir um Reinigung der Seele, des Leibes und unserer Sinne, während das zweite Gebet uns vorbereitet auf die Übertragung der Vorgeweihten Gaben. Danach kommt der feierliche Augenblick der Übertragung der Heiligen Gaben auf den Altartisch. Äußerlich ähnelt dieser Einzug dem Großen Einzug der Liturgie, aber seinem Wesen und der geistlichen Bedeutung nach ist er natürlicherweise etwas vollkommen anderes.

 

Der Chor beginnt ein besonderes Lied zu singen: „Himmlische Mächte dienen jetzt unsichtbar mit uns. Siehe, es naht der König der Herrlichkeit, Siehe, das vollzogene Opfer wird einhergetragen“[11].

 

Der Priester am Altar, mit hoch erhobenen Armen, spricht dreimal diese Worte, auf welche der Diakon antwortet: „Gläubig und voll Liebe lasst uns herzutreten, um teilhaftig des ewigen Lebens zu werden. Alleluja, Alleluja, Alleluja[12]“.

 

Während der Übertragung der Heiligen Gaben sollen alle ehrfürchtig niederknien.

 

Der Priester ruft an den Königstüren, nach vorgeschriebener Tradition, mit leiser Stimme: „Gläubig und voll Liebe lasst uns herzutreten“ und legt die Heiligen Gaben auf den Altartisch, bedeckt sie, aber spricht nichts dabei.

 

Hiernach wird das Gebet des Heiligen Ephrem mit den drei Metanien gesprochen. Nachdem die Übertragung der Heiligen Gaben vollzogen ist, kommt schon bald der Augenblick der Heiligen Kommunion für die Geistlichen und für alle, die sich darauf vorbereitet haben. Deshalb machen wir noch einen weiteren Halt, um den letzten Teil der Liturgie der Vorgeweihten Gaben darzulegen. Möge Gott allen beistehen!

 

Nach dem Großen Einzug

 

Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Die feierliche Übertragung der Heiligen Gaben auf den Altartisch wurde vollzogen, und jetzt sind wir schon ganz nahe gekommen dem Augenblick der Heiligen Eucharistie selbst. Jetzt wird vom Diakon die flehentliche Bittektenie ausgerufen, und der Priester betet währenddessen, dass der Herr uns und Sein gläubiges Volk von jeder Unreinheit befreien, all unsere Seelen und Leiber heiligen möge, damit wir mit reinem Gewissen, nicht beschämtem Antlitz, erleuchtetem Herzen… vereinigt werden mit Deinem Christus Selbst, unserem wahren Gott.

 

Hierauf folgt das Gebet des Herrn „Vater unser“, das stets unsere Vorbereitung für die Eucharistie zum Abschluss bringt. Indem wir es sprechen, das Gebet von Christus Selbst, empfangen wir somit den Geist Christi als unseren eigenen, Sein Gebet zum Vater als das Unsere, Seinen Willen, Seinen Wunsch, Sein Leben als unser eigenes.

 

Nach Vollendung des Gebets erteilt uns der Priester den Friedenssegen, und der Diakon fordert uns alle auf, unser Haupt vor dem Herrn zu beugen, und zu dieser Zeit wird das Gebet über die sich verneigenden Gläubigen[13] gelesen, wo der Priester im Namen aller Anwesenden den Herrn bittet, dass er Sein Volk beschützen und uns alle würdigen möge, teilzuhaben an Seinen lebensspendenden Mysterien.

 

Dann folgt ein Ausruf des Diakons: „Aufmerken“, d.h. seien wir aufmerksam, und der Priester, mit der Hand an die Heiligen Gaben rührend, verkündet mit lauter Stimme: „Das Vorgeweihte Heilige – den Heiligen!“ Das bedeutet, dass die vorgeweihten Heiligen Gaben den Heiligen vorgelegt werden, d.h. allen gläubigen Gotteskindern, allen in diesem Augenblick in der Kirche Versammelten. Der Chor singt: „Einer ist heilig, Einer der Herr, Jesus Christus, zur Herrlichkeit Gottes des Vaters, Amen“[14]. Die Königstüren werden geschlossen, und ab diesem Moment beginnt die Eucharistie der Geistlichen (Zelebranten).

 

Nachdem sie kommuniziert haben, werden die Heiligen Gaben vorbereitet für alle, die heute an der Eucharistie teilnehmen und in den Kelch „eingetaucht“[15] sind. Alle, die sich heute zur Eucharistie vorbereitet haben, sollen besonders aufmerksam und konzentriert sein. Bald beginnt der Augenblick unserer Vereinigung mit Christus. Möge der Herr allen beistehen!

 

Vor der Eucharistie der Gemeinde

 

Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Die Alte Kirche kannte keinen anderen Beweggrund für die Teilnahme an der Liturgie, außer dem, an ihren Heiligen Gaben teilzuhaben. Heute ist diese eucharistische Empfindung bedauernswerterweise sehr schwach geworden. Und wir ahnen manchmal sogar nicht, weshalb wir zur Kirche Gottes gehen. Gewöhnlich will jeder einfach beten „für irgendetwas Persönliches“, aber wir wissen jetzt, dass der orthodoxe Gottesdienst, und besonders die Liturgie, nicht einfach das Gebet „für irgendetwas“ ist, sondern dass das unsere Teilhabe am Opfer Christi, unser gemeinschaftliches Gebet, unser gemeinschaftliches Stehen vor Gott, unser gemeinsamer Dienst für Christus ist. Alle Gebete des Priesters sind nicht einfach seine persönliche Hinwendung zu Gott, sondern ein Gebet im Namen der ganzen Gemeinde, im Namen aller in der Kirche Anwesenden. Wir vermuten das sogar oft nicht, dass das auch unser Gebet, auch unsere Teilhabe am Mysterium ist.

 

Die Teilnahme am Gottesdienst muss natürlich bewusst werden. Immer sollte danach gestrebt werden, im Gottesdienst an den Heiligen Christlichen Mysterien teilzuhaben. Denn jeder getaufte Mensch ist ein Teil des Leibes Christi, und nur durch die Gesamtheit unserer Teilhabe an der Eucharistie erscheint dieser Welt, welche „im Argen liegt“, die Kirche Christi.

 

Die Kirche, das ist der Leib Christi, und wir sind Teil dieses Leibes, Teil der Kirche. Und, damit wir in unserem geistlichen Leben nicht den Weg verlieren, ist es unerlässlich, stets nach Vereinigung mit Christus zu streben, welche uns gewährt wird im Mysterium der Heiligen Eucharistie.

 

Wir wissen sehr oft nicht, wenn wir den Weg der geistlichen Vervollkommnung betreten, was wir tun sollen, wie wir uns richtig verhalten sollen. Die Kirche aber gewährt uns alles, was wir für unsere Wiedergeburt brauchen. Alles wird uns gewährt in den Mysterien der Kirche. Und das Mysterium der Mysterien, oder genauer, das Mysterium der Kirche, das Geheimnis, welches die Natur der Kirche Selbst offenbart, ist gerade das Mysterium der Heiligen Eucharistie. Deshalb, wenn wir versuchen, Christus zu erkennen, ohne zu kommunizieren, dann wird bei uns  niemals irgendetwas ankommen.

 

Christus zu erkennen ist nur möglich, wenn wir mit Ihm zusammen bleiben, und das Mysterium der Eucharistie, das ist unsere Tür zu Christus, welche wir öffnen sollen, und Ihn in unserem Herzen empfangen.

 

Jetzt hat der Augenblick selbst begonnen, wo alle, die an der Eucharistie teilhaben wollen, mit Christus vereinigt werden. Der Priester mit dem Heiligen Kelch spricht die Gebete vor der Heiligen Eucharistie, und alle, die zur Kommunion sich vorbereitet haben, sollen ihnen aufmerksam lauschen. Herantretend zum Kelch, soll man die Hände kreuzweise auf der Brust verschränken, und deutlich seinen christlichen Namen aussprechen, und, nach dem Kommunizieren, den Rand des Kelches küssen, und fortgehen zum Nachtrinken.

 

Nach vorgeschriebener Tradition können nur solche Kinder kommunizieren, die schon imstande sind, ein Stückchen vom Heiligen Brot zu empfangen. Der Chor singt zu dieser Zeit einen besonderen Eucharistie-Vers: „Kostet das himmlische Brot und den Kelch des Lebens, und sehet, wie gnädig der Herr ist“.

 

Nach Vollzug der Eucharistie geht der Priester zum heiligen Altartisch und erteilt dem Volk den Schlussegen des Gottesdienstes. Es folgen die abschließende Ektenie der Danksagung, in welcher wir Gott danken für die Teilhabe an den unsterblichen, himmlischen, lebensspendenden und furchtbaren Mysterien Christi, und das letzte Gebet, welches heißt „Gebet unterhalb des Ambon[16], ein Gebet, welches die Bedeutung dieses Gottesdienstes zusammenfasst. Nach diesem verkündet der Priester die Entlassung mit dem Gedächtnis der heute gefeierten Heiligen, und das sind heute, vor allem, die ehrwürdige Mutter Maria von Ägypten, und der hochwürdige Gregor Dialogos, der römische Papst, ein Heiliger der noch ungeteilten Alten Kirche, auf den die Tradition zurückgeht, die Liturgie der vorgeweihten Gaben zu zelebrieren.

 

Hierauf endet dieser Dienst. Ich wünsche allen Versammelten den Beistand Gottes, und hoffe, dass der heutige Gottesdienst, welcher fortlaufend kommentiert wurde, uns allen hilft, den Sinn und die Zweckbestimmung des orthodoxen Gottesdienstes besser zu erkennen, damit bei uns der Wunsch erwachse, desweiteren immer mehr und mehr unser orthodoxes Erbe zu begreifen, durch verständige Mitwirkung am Gottesdienst, durch Teilhabe an den Mysterien der Heiligen Kirche. Amen.

 

 

Übersetzung aus dem Russischen: Peter Trappe & Ludmila Sokolova

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Wörtlich entnommen, auch teilweise im Folgenden, dem „Liturgikon“ von Neophytos Edelby, Bongers, 1967

[2] Liturgikon, Edelby, a.a.O., S. 513

[3] Die Heilige und Göttliche Liturgie, Kloster des hl. Hiob von Počaev, München 1990, S. 37

[4] Liturgikon, a.a.O., S. 518

[5] Liturgikon, a.a.O., S.521f.

[6] Psalter, Kloster Hl. Hiob von Počaev, München 1999, Psalm 140, Vers1, S. 287

[7] Liturgikon, ebd., S. 528f.

[8] Ebd., S. 529

[9] Orthodoxes Gebetbuch,  Kloster Hl. Hiob von Počaev, München 2010, Aus dem Abendgottesdienst, S. 51

[10] Liturgikon, a.a.O., S. 531

[11] Liturgikon, a.a.O., 539ff.

[12] Liturgikon, a.a.O., S. 541

[13] Ebd., S. 547

[14] Die Göttliche Liturgie, a.a.O., S. 93

[15] Anführungszeichen vom Übersetzer. Der Ausdruck „Eintauchen“ bedarf der Erläuterung

[16] Göttliche Liturgie, a.a.O., S. 105

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