Der gehorsame Jüngling. Zum Gedenktag des Hl. Sergius von Radonesch

MINIATUR

Deutschsprachige Übersetzung aus dem Buch von Erzbischof Nikon Roschdestwenskij „Leben und Kämpfe unseres ehrwürdigen und gotttragenden Vaters Sergij, des Abtes von Radonesch und Wundertäters von ganz Russland“, Gesellschaft zum Gedenken der Äbtissin Taisija, St. Petersburg, 2014

 

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Kapitel III

Der gehorsame Jüngling

Nöte im russischen Land. – Erhöhung von Moskau. – Eigenwille des Kotschewa in Rostow. – Umsiedlung des Kirill nach Radonesch. – Anwandlungen der jungen Seele. – Umsicht der Eltern und Gehorsam des Sohnes. – Bojaren-Mönche und ihr Ende. – Heilige Entschlossenheit.

(1330 – 1340)

1 2 148x300 Der gehorsame Jüngling. Zum Gedenktag des Hl. Sergius von RadoneschFreue dich, weil du von Kindesbeinen an Christus gefolgt bist!
Ikos aus den Minäen
Freue dich, von Jugend an liebtest du mit ganzem Herzen und Sinnen Gott.
Akathistos 1, Ikos 3
Freue dich, der du um der Liebe deines Schöpfers willen das Irdische der Erde zurückgegeben hast!
Freue dich, der du um des Gewinnes Christi willen alles für Kehricht hieltest!
Akathistos 2, Ikos 3

Initiale Hier wäre angebracht, einige Worte darüber zu sagen, in welchem Zustand das russische Land in jener von uns geschilderten Zeit sich befand, um Einblick zu haben, unter welchen Umständen die Eltern von Warfolomej damals lebten, und unter welchen Bedingungen Warfolomej selbst erzogen wurde. Schlagen wir für einen Moment die traurigen Seiten unserer eigenen Geschichte auf, um klarer zu sehen, welch großen Mann Gott unserem vielleidenden Vaterland in der Person Seines demütigen Auserwählten, des Einsiedlers von Radonesch, in jenen so schwierigen Zeiten sandte. Auf dem dunklen Gemälde der historischen Ereignisse tritt dessen lichte Gestalt vor uns hin in ihrer ganzen unirdischen Schönheit.

Wahrlich schwierig waren die damaligen Zeiten! Das tatarische Joch lag als schwere Last auf den Schultern des russischen Volkes. Dieses so verhasste Joch von sich abwerfen zu können, daran wagte niemand auch nur zu denken. Die Fürsten reisten immer wieder zur Horde – entweder um sich vor den drohenden mongolischen Khanen niederzuwerfen, oder um dort gegeneinander zu prozessieren oder miteinander zu wetteifern. Und wie viel edles fürstliches Blut wurde in der Goldenen Horde vergossen, aus Neid und brudermörderischem Hass ehrgeiziger Rivalen! Karamsin, unser Geschichtsschreiber bemerkt zu Recht, dass „das alte russische Sprichwort – N a h d e m Z a r e n, n a h d e m T o d e – damals aufkam, als unser Vaterland die Ketten der Mongolen trug. Die Fürsten fuhren zur Horde wie zum Letzten Gericht: Glücklich, wer dank der Gnade des Mongolenzaren zurückkehren durfte, oder mindestens mit dem Haupt auf den Schultern! Nicht selten gaben sie ihr Leben für den Orthodoxen Glauben und die Heilige Rus´. Und darum, wenn sie sich auf den Weg zur Horde machten, schrieben sie gewöhnlich ihre Testamente, und nahmen für immer Abschied von ihren Familien. Das Volk litt unter der Willkür grober und stolzer tatarischer Steuereintreiber und Baskaken (Beamte), die sämtliche Städte durchkämmten. Sie hatten keinerlei Erbarmen, und was sie wollten, taten sie auch: Sie brannten Städte und Dörfer nieder, raubten sie aus, verwüsteten und schändeten die Kirchen Gottes und töteten die Menschen oder nahmen sie gefangen. Selbst die mongolischen Kaufleute, sogar die Landstreicher behandelten unsere Vorfahren wie verachtenswerte Sklaven. Solche Wirren, bei Abwesenheit einer starken Macht, entfesselten in voller Freiheit die Leidenschaften böser Menschen, von denen es ja stets nicht wenige gibt; und in solch schweren Zeiten vergrößert sich üblicherweise deren Zahl. – Das tatarische Joch hinterließ auch Spuren in der Sittlichkeit des Volkes: „Wir vergaßen den eigenen Stolz“, sagt Karamsin, „und erlernten die niedrigen Listen des Sklaverei, welche bei Schwachen die Kraft ersetzen; während wir die Tataren betrogen, betrogen wir einander noch viel mehr; wenn wir uns mit Geld von der Gewalt der Barbaren losgekauft hatten, wurden wir habgieriger und gefühlloser für Kränkungen, für Scham, unterworfen der Brutalität fremder Tyrannen. Von der Zeit des Wassilij Jaroslawitsch bis Ioann Kalita (die unglücklichste Periode!) glich unser Vaterland mehr dem finsteren Wald als einem Staat: Es herrschte das Recht des Stärkeren. Es raubte, wer konnte – nicht nur die Fremden, auch die eigenen Leute. Es gab keine Sicherheit, weder auf Reisen noch zuhause. Diebstahl wurde zur allgemeinen Geißel des Eigentums“ .

Ja, schwer war es für das russische Land in jenen traurigen Zeiten; schwierig, unmöglich war es, den starken Feind zu überwinden, und zwar deshalb, weil die russischen Fürsten immer mehr untereinander stritten – Einheit gab es nicht, das ganze weiträumige russische Land war dörflich zerstückelt. Und hätte man nicht endlich die Notwendigkeit der Einheit eingesehen – wer weiß? – dann wäre vielleicht überhaupt die Orthodoxe Rus´ zugrunde gegangen und der Herrschaft noch weitaus gefährlicherer Feinde unterworfen worden, welche zu jener Zeit existierten: Litauen, Polen, Ungarn und Schweden.

Aber Gott ließ nicht zu, dass ein solches Unheil geschah. Früher als andere erkannten unsere Ersthierarchen die Gefahr: Sie wiederholten unablässig vor den Fürsten, dass Einmütigkeit untereinander notwendig sei, für die Rettung Russlands vor dem endgültigem Untergang. Wenn möglich, waren die Hierarchen stets Friedensstifter bei fürstlichen Fehden, wirkten sowohl mit dem Wort der Überzeugung als auch kraft geistlicher Macht. Und der weitsichtige Metropolit Pjotr legte ein festes Fundament für die Vereinigung des Russischen Landes, als er für immer von Wladimir am Kljasma-Fluss in das damals unbekannte Städtchen Moskau übersiedelte, zum klugen und frommen Fürsten Ioann Danilowitsch Kalita. Dieser Fürst fing an, den noch von seinem Vater umrissenen Gedanken der Vereinigung des russischen Landes nun mit Nachdruck in Erfüllung gehen zu lassen, und gliederte ein benachbartes Fürstentum nach dem anderen an Moskau an. Metropolit Pjotr, kurze Zeit vor seinem Entschlafen, ermunterte jenen Fürsten dazu mit einer Vorhersage über die künftige Größe Moskaus: „Wenn Du, mein Sohn“, sprach er im prophetischen Geiste, „meinem hohen Alter Ruhe verschaffen und hier eine Kirche errichten wirst, der Gottesmutter würdig, dann sollst du ruhmreicher als andere Fürsten und dein Geschlecht erhaben werden. So werden meine Gebeine in dieser Stadt ruhen; Hierarchen werden sie dereinst bewohnen wollen und deren Hand wird auf die Schultern unserer Feinde fallen“. Ioann erfüllte treu dieses Testament des greisen Metropoliten, und Gott schenkte seinen Unternehmungen Erfolg, zum Nutzen des Vaterlandes. Moskau wurde nach und nach über andere Städte erhöht, und Ioann selbst erwarb sich den ruhmreichen Namen eines S a m m l e r s d e s R u s s i s c h e n L a n d e s. Einhundert Jahre später wagte schon niemand mehr mit Moskau um den Vorrang zu streiten: Es vereinigte unter sich die ganze damalige Rus´, und nicht nur rettete diese Vereinigung Russland vor endgültiger Zerstörung, aber sie verhalf auch dazu, das mongolische Joch abzuwerfen.

Nicht leicht war es für die Teilfürsten von ihrer Freiheit Abschied zu nehmen. Der Moskauer Fürst handelte gebieterisch, nahm zuweilen keinerlei Rücksicht und machte vor nichts Halt. Sogar in solchen Fällen, bei denen der Anschluss benachbarter Ländereien auf friedlichem Wege erreicht worden war – zum Beispiel durch Verwandtschaftsbeziehungen zum Großfürsten von Moskau – zögerte Ioann Danilowitsch auch dann keineswegs, über die Teilfürstentümer zu verfügen wie es ihm beliebte. So verheiratete er seine Töchter, die eine mit Wassilij Davidowitsch von Jaroslawl, die andere mit Konstantin Wassiljewitsch von Rostow, und schrieb, schon wie der Herrscher ganz Russlands handelnd, seinen Schwiegersöhnen die Gesetze vor – in deren eigenen Gebieten. „Bitter wurde es damals der Stadt Rostow“, erzählt bekümmert der Chronist, „und besonders seinen Fürsten! Alle Macht und Habe wurde ihnen genommen, und ihre ganze Ehre und aller Ruhm zogen nach Moskau hin“. Nach Rostow wurde im Range eines Statthalters der Moskauer Würdenträger Wassilij gesandt, mit dem Beinamen Kotschewa, und mit ihm ein anderer, namens Mina. Nach Ankunft in Rostow begannen sie, ausgestattet mit sämtlichen Machtbefugnissen, die Einwohner zu bedrängen, so dass viele der Rostower genötigt wurden, den Moskauern wider Willen ihren Besitz abzugeben, wofür sie dann lediglich Schmach und Prügel ernteten und in äußerste Armut gerieten. Es fällt auch schwer, all das wiederzugeben, was sie dabei erlitten: Die Frechheit der Moskauer Wojewoden ging gar so weit, dass sie den Stadtvorsteher von Rostow aufhängten, den hochbejahrten Bojaren Averkij, eingesetzt noch vom Fürsten Wassilij Konstantinowitsch, mit Kopf nach unten, und ihn auf solche Weise den Schmähungen überließen… So verfuhren sie nicht nur in Rostow, sondern in all ihren Gebieten und Dörfern. Das Volk murrte sehr, war beunruhigt und beklagte sich über diese Willkür; sie sprachen frei heraus, dass der Ruhm von Rostow dahin sei, dass man die Fürsten ihrer Macht beraubt habe, dass Moskau sich tyrannisch gebärde.

Dieser Kummer des Volkes betraf natürlich auch die gerechten Eltern von Warfolomej. Der einst berühmte und angesehene Bojar Kirill musste noch vor den oben beschriebenen Ereignissen in Rostow in seinem Alter Not leiden. Mehrere Reisen zur Horde gemeinsam mit seinem Fürsten, schwere Abgaben und die jegliche Kraft übersteigenden Geschenke für dortige Beamte – ohne welche man solche Reisen nie antreten konnte – schreckliche Hungersnot, welche das Rostower Gebiet nicht selten heimsuchte, aber mehr als alles andere das Heer, sagt der ehrwürdige Epifanij, oder der Einfall des Turalyk im Jahr 1327 – dies alles zusammen wirkte sich auf sein Vermögen äußerst ungünstig aus und warf ihn nahezu ins Elend. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Willkür der Moskauer Statthalter, die in Rostow schalteten und walteten wie autokratische Herrscher, auch Kirill nicht schonte, als einem Mann, der ja dem Fürsten von Rostow nahestand: Vielleicht wurde er damals nicht nur seiner Ehre entkleidet, sondern auch seines Eigentums beraubt. Schwierig wurde es für Kirill nach allem, was er in Rostov zu erdulden hatte, dort noch länger zu bleiben. Vielleicht wurde ihm auch von den Moskauer Statthaltern geradezu befohlen, aus Rostow zu verschwinden. Und darum entschied er, bei der ersten Gelegenheit seine Heimatstadt zu verlassen und in den Dienst eines anderen Fürsten zu treten.

Die Gelegenheit bot sich bald. Zwölf Werst von der Lawra der Hl. Dreiheit, in Richtung Moskau, liegt die Siedlung G o r o d í s c h t s c h e oder G o r o d ó k, welche in alter Zeit den Namen R a d o n e s c h trug. Im Jahr 1328, als der Großfürst Ioann Danilowitsch zur Horde aufbrechen sollte, schrieb er ein Testament, in welchem unter anderem die „Siedlung Radonesch“ einer Großfürstin Jelena „mit ihren kleinen Kindern“ ungeteilt vererbt wurde. Bald danach ging diese Siedlung voll in den Besitz von Andrej, Ioanns jüngstem Sohn, über. Der Großfürst, solange Andrej minderjährig war, setzte in Radonesch als Platzhalter Terentij Rtischtsch ein, der sich für jenes damals fast unbesiedelte Gebiet eine größere Zahl von Siedlern wünschte und allen Übersiedlern im Namen des Fürsten verschiedene Vergünstigungen in Aussicht stellte. Kaum wurde dies in Rostow bekannt, zogen viele seiner Bewohner, in der Hoffnung, für sich Erleichterung zu finden, gen Radonesch. Zu solchen Übersiedlern rechnet Epifanij den Heerführer Protassij, des Erzpriesters Sohn Georgij mit seiner Familie, Ioann und Feodor Tormassow, dessen Verwandten Djuden, und Onisim, den einstigen Würdenträger von Rostow , in der Folge aber Diakon und Schüler von Sergij. Mit diesen allen übersiedelte auch der selige Kirill mit seiner ganzen Sippe und wurde ansässig in Radonesch, nahe der Kirche der Geburt Christi.

Nach der Sitte jener Zeit sollte Kirill ein Landgut erhalten, aber er selbst konnte wegen seines Alters diesen Dienst schon nicht mehr erbringen, und deswegen übernahm diese Pflicht dessen älterer Sohn Stefan, der wahrscheinlich noch in Rostow in den Ehestand getreten war. Pjotr, der jüngere der Söhne Kirills, wählte ebenfalls das Eheleben. Warfolomej jedoch setzte auch in Radonesch seine asketischen Kämpfe fort. Indem er die Nichtigkeit alles Irdischen bedachte, wiederholte der selige Jüngling öfters für sich das Prophetenwort: „Welcher Nutzen ist in meinem Blut, wenn ich niedersteige ins Verderben? (Psalm 29, 10). Wahrlich die Welt, und alles was in der Welt ist, wurde von Gott zum Wohl der Menschen erschaffen; aber wegen der menschlichen Leidenschaften, Gewalttaten, Ungerechtigkeiten ist all das derart verdorben, dass ein menschliches Leben außer Mühe und Krankheiten fast nichts weiter einbringt; und demjenigen, der mit sanftmütigem Geist seine Rettung anstreben möchte, begegnen von allen Seiten nur Hindernisse und Verführungen“. – Solche Erwägungen stellte Warfolomej an, und begann hernach bei seinen Eltern um den Segen zu bitten, dass er den Weg des Mönchslebens wählen dürfe. So sprach er öfters zum Vater: „Lass‘ mich fort, Väterchen, mit Segen, und ich werde ins Kloster gehen“.

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„Keine Eile, Kind“, antwortete ihm darauf der Vater, „Du siehst selbst: Wir sind alt und schwach geworden, es gibt niemanden, uns zu dienen, deine Brüder haben nicht wenig Kummer wegen ihrer eigenen Familien. Wir freuen uns sehr, dass du dich sorgst, wie du dem Herrn Gott gefallen kannst; das ist ein gutes Ding, aber glaube mir, mein Sohn: Dein guter Teil wird von dir nicht genommen, jedoch sei uns noch ein wenig dienstbar, bis Gott uns Seine Gnade erweist und uns von hier fort nimmt. Begleite uns darum noch bis zum Grab, danach wird dir schon niemand mehr verwehren, dass dein sehnlicher Wunsch in Erfüllung geht“.

Und der begnadete Sohn leistete Gehorsam: Er bemühte sich mit allem Eifer, seinen heiligen Eltern zu gefallen, ihnen Ruhe im Alter zu verschaffen, damit er sich ihren Segen und ihre Gebete verdiene. Selbst nicht gebunden an familiäre Sorgen, widmete er sich voll und ganz der Wohlfahrt seiner Eltern, und er war dafür auch mit seinem sanftmütigen und liebenswürdigen Charakter wie keiner sonst geeignet.

Welch wunderschönes, lehrreiches Beispiel bieten die geistige Reife dieser Eltern und der Gehorsam ihres Sohnes! – Kirill und Maria wandten keine Kraft darauf, den Göttlichen Wunsch zu löschen, der in ihrem Sohn aufgeflammt war, nötigten ihn nicht, sich durch Ehebande an die Nichtigkeit dieser Welt zu binden, wie es viele Eltern unserer Zeit tun: Sie weisen ihn lediglich auf ihre Nöte und Krankheiten hin, haben wahrscheinlich insgeheim mehr auf seine Jugend Acht, geben ihm Gelegenheit, sich wiederholt zu prüfen und in der heiligen Absicht zu bestärken, damit er, wenn er dereinst die Hand an den Pflug legen, schon nicht mehr zurückblicken wird. Aber auch Warfolomej folgt nicht dem Beispiel der eigenwilligen Kinder unserer Zeit, von denen viele, sogar in üblichen weltlichen Angelegenheiten, ihren eigenen Willen dem Willen der Eltern nicht unterwerfen möchten und deren Nöte und Wünsche geringschätzen. Nein, der besonnene Jüngling kennt den Wert dessen, was er begehrt. Dennoch, im Hinblick auf das Gebot Gottes: Ehre Vater und Mutter (Mth. 15, 4), ist er einverstanden, bis zur gegebenen Zeit seinen noch unerfüllten Wunsch zurückzustellen, um Gehorsam gegenüber seinen Eltern zu üben, und dadurch ihren Segen zu ererben: So wertvoll war für ihn dieser Segen! Und die Eltern segneten natürlich den gehorsamen Sohn aus liebevollem Herzen, durch heilige Segnungen bis zu ihrem letzten Atemzug!

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Aber unmerklich wurde der Geist des Mönchtums vom Sohn auf die Eltern übertragen: Am Ende ihres sorgevollen Lebens wünschten auch Kirill und Maria selbst, sich gemäß der frommen Sitte alter Zeiten das Engelsgewand anzulegen. Etwa drei Werst von Radonesch entfernt befand sich das Chotkow-Kloster Maria Schutz, welches aus zwei Hälften bestand: Die eine für Starzen, die andere für Starizas. Zu diesem Kloster lenkten die gerechten Eltern von Warfolomej ihre Schritte, um ihre letzten Tage hier in Buße und Vorbereitung für das andere Leben zu verbringen. Fast zur gleichen Zeit ereignete sich eine wichtige Veränderung im Leben des älteren Bruders von Warfolomej, Stefan: Er lebte nicht lange im Ehestand. Seine Frau Anna starb und hinterließ ihm zwei Söhne, Kliment und Ioann.

Er bestattete seine Gattin im Chotkovw-Kloster, und Stefan wollte schon nicht mehr in die Welt zurückkehren. Er vertraute wahrscheinlich seine Kinder Pjotr an, und blieb dort in Chotkow zurück, erhielt die Mönchsweihe, und vermochte somit auch seinen gebrechlichen Eltern zu dienen . Die von Alter und Kummer beschwerten Bojaren-Mönche kämpften übrigens nicht lange in ihrem neuen Stand: Nicht später als 1339 entschliefen beide bereits in Frieden zu Gott zur ewigen Ruhe. Mit Tränen der Liebe beweinten sie die Söhne und begruben sie im Schatten jenes Maria-Schutz-Klosters, welches seit dieser Zeit letzte Bleibe und Gruft des Sergij-Geschlechts wurde .

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Nachdem der ältere Bruder ins Kloster gegangen war, verblieb Warfolomej als eigener Herr im Hause der Eltern. Ihr Ableben war für ihn das von Gott gegebene Zeichen der Vorsehung, sein ersehntes Vorhaben zu erfüllen. Um ihnen aber die letzte Ehre seiner Sohnesliebe zu erweisen, blieb er vierzig Tage ununterbrochen im Chotkow-Kloster, solange nach kirchlicher Ordnung Gottesdienste für die Seelenruhe der Neuentschlafenen stattfanden. Sein Gebet für ihre Seelenruhe vereinte er mit Werken der Barmherzigkeit: Jeden Tag ernährte er Bettelarme und verschenkte an Bedürftige Habseligkeiten aus dem bescheidenen Besitz der Verstorbenen.

In geistlicherf Freude kehrte er schließlich nach Radonesch zurück: Nun konnte ihn niemand und nichts mehr an die Welt binden, inmitten der für seine Seele so unerträglichen Eitelkeit. Wonnevoll wiederholte er Sprüche aus der Heiligen Schrift, welche jetzt so gut zu seiner seelischen Verfassung passten: Deswegen geht heraus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, und nichts, was in der Welt ist, rührt an (2. Kor. 6, 17); weicht zurück von der Erde, und steigt auf zum Himmel. Es hing meine Seele an Dir, Herr, Deine Rechte nahm sich meiner an (Ps. 62, 9)!

Metropolit Platon zeichnet den Zustand der Seele des Warfolomej zu dieser Zeit mit folgenden Wesenszügen: „Warfolomej las im Heiligen Evangelium: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken (Mth. 11, 28) – dies las er und dachte tief nach: Was kann denn noch wünschenswerter sein? Ich, ja gerade ich gehöre doch zu diesen Mühseligen, ich gehöre zu diesen Beladenen… Ich fühle in mir die Macht der Leidenschaften; mein Gewissen zittert vor dem Gericht Gottes… Der Apostel Paulus, das ausgewählte Gefäß sagt von sich selbst, dass er der Erste unter den Sündern sei. Und kann ich etwas anderes über mich selbst sagen? Äußere Umstände mit ihrer Trübsal treiben mich in die Einöde. Von allen Seiten bin ich bedrängt und belastet; aber siehe, der Herr spricht im Evangelium: Komm her zu Mir, und Ich erquicke dich. Darf man das etwa verschmähen, wonach mit allen Kräften zu streben ist? Der Herr Selbst sucht mich und kommt mir entgegen mit Seiner heiß ersehnten Erquickung. Und wie unvernünftig wäre ich doch, wenn ich mir jetzt ausdächte, dieses unschätzbare Gut auszuschlagen. Nein, ich werde gehen, eilen, auf diesen Ruf hin: Er kann nicht lügen. Er hat mein Herz entflammt, ich kann nicht ruhen, bevor ich die von Ihm versprochene Ruhe nicht gefunden habe! Siehe, weit in die Ferne wollte ich fliehen und in der Wüste wohnen, ich wartete auf Gott, der mich rettet aus Kleinmut und aus Sturm!“ (Psalm 54, 8-9).

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In seinem andächtigen Herzen richtete sich Warfolomej auch nach einem anderen Wort des Herrn: So jemand zu Mir kommt, und nicht entsagt allen seinen Gütern, kann er nicht mein Schüler sein (Luk. 14, 26, 33). Da er solchem rettenden Wort nachfolgen wollte, übergab er seinem jüngeren Bruder Pjotr alles, was die Eltern hinterlassen hatten. Somit wurde der entscheidende Schritt getan, und der heilige Jüngling trat im 21. Jahr seines Lebens frischen Muts auf den neuen Weg voller Leiden und Entbehrungen, und, sein Haupt unter das sanfte Joch des Kreuzes Christi beugend, strebte er den von ihm ersehnten geistigen Kämpfen zu, wie ein dürstender Hirsch nach den lebensspendenden Wasserquellen verlangt…

„Er verließ die Welt“, sagt Filaret, der Metropolit von Moskau, „als die Welt ihn noch nicht kannte; und späterhin sogar wollte er nicht einmal derartige Würde annehmen, wenngleich sie zwar zur Welt gehört, aber nicht von der Welt und nicht für die Welt ist (wir denken an den Rang des Hierarchen). Selbst der Gehorsam, von Sergij in allen anderen Fällen heilig befolgt, konnte ihn nicht dazu bringen, die ihm so kostbare Einöde zu verlassen oder wenigstens aus der Hand des Metropoliten den heiligen Schmuck anzunehmen, als Segensgabe für einen Erzhirten, weil ja dieser Schmuck (das Kreuz) aus Gold gefertigt war“…

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i    Geschichte des russischen Staates, Bd. IV, S. 248.
ii   Ebd., Bd. V, S. 368 und Bd. IV, Anm. 319.
iii  Ebd., Bd., IV, S. 233, Anm. 303. Новгород. Л. 603.
iv  Нiк. Лет. IV, 204.
v   Der hochgeweihte Filaret von Tschernigow denkt, dass „der Angriff von Turalyk auf Rostow nicht der Grund sein konnte, dass die Eltern von Sergij aus Rostow wegzogen; wenn das auf ihr Schicksal Einfluss hatte“, sagt er, „dann nur insofern, dass es ihr Hab und Gut betraf, welches möglicherweise im Rostower Gebiet verblieb, nach ihrer Umsiedlung nach Radonesch“. – Russische Heilige, Sept., S. 130, Anm. 234. – Aber die von ihm zusammengestellten Jahresdaten beweisen definitiv nichts: Wäre der Angriff im Jahr 1337 erfolgt, und nicht 1327, dann hätten seine Erwägungen durchaus Gewicht. Dabei widerspricht der hochgeweihte Autor sich selbst: In der Anmerkung mutmaßt er, dass die Übersiedlung der Eltern des Ehrwürdigen Sergij sich noch vor Angriff von Turalyk vollzog, das heißt, früher als 1327, und auf der gleichen Seite im Text spricht er selbst davon, dass diese Übersiedlung nicht früher als 1330 stattfinden konnte. Überhaupt ist die Anmerkung 234 ein Gedächtnisfehler: Er hat 1327 mit 1337 verwechselt, weswegen diese Anmerkung ganz und gar entfallen sollte.

vi    Vermutung von Metropolit Platon.
vii  Собр. Госуд. гр. т. I , стр. 30 – 36.
viii Vater des ruhmreichen Fürsten von Serpuchow, Wladimir Andrejewitsch des Tapferen, Fürst Andrej Ioannowitsch wurde geboren im Jahr 1326.

ix  In der Abschrift der Großen Lese-Minäen – A n d r e j.
Nach anderen (Quellen) fehlerhaft – W i s c h t s c h e w.

xi  So in der Abschrift der Großen Lese-Minäen; Beim hochgeweihten Filaret von Tschernigow I o a n n F e o d o r o w i t s c h, nach dem Druck der Ausgabe von Surosch von 1786: I w a n und F e o d o r T o r m a s s o w, sein S c h w i e g e r s o h n.

xii „Onisim, der war Würdenträger in Rostow“, – Hik. Л. IV, 205.
xiii Epifanij nennt die K l ö s t e r, in welche die Eltern von Warfolomej eintraten, nicht. Aber da beide in Chotkow bestattet sind, und weil wir auch Stefan, den Bruder von Warfolomej, dort sehen, gibt es keinen Zweifel, dass sie gerade in diesem Kloster ihre letzten Tage verbrachten. In alter Zeit gab es solche Doppel-Klöster mit Abteilungen für Starzen und Starizas, bis dieser Brauch durch Konzilsbeschluss im Jahre 1504 verboten wurde. Siehe „Chotkow-Kloster Maria Schutz“ von S. Smirnow. – Das Gedenken von Kirill und Maria wird im Chotkow-Kloster am 28. September gefeiert.

xiv  Dass Stefan verwitwet war und noch zu Lebzeiten der Eltern ins Chotkow-Kloster eintrat, ist aus der Erzählung des Epifanijj darüber ersichtlich, dass Warfolomej, nach Erfüllung der kirchlich angeordneten vierzigtägigen Gottesdienste und Lesungen für die Seelenruhe von Kirill und Maria, unverzüglich nach Chotkow zum Bruder Stefan geht, der bereits damals Mönch war.

xv  Dort wurde in der Folge auch der jüngere Bruder des Ehrw. Sergij, Pjotr, mit seiner Ehegattin Ekaterina, bestattet. – Церковно-Истор. Месяц. Серг. Лавры. 1850 г. стр. 41.
xvi  Соч. М. Платона. т. XVI, стр. 293 – 294.
xvii Слова и Речи м. Филарета, 1874 г. т. II, стр.121- 122.
xviii Ebd., S. 282.

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