Orthodoxe Mission: Gestern, Heute, Morgen

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Ruhiger Samstag. Das große New York erholt sich vom Thanksgiving- Fest. Im Synodalgebäude ist es so ungewöhnlich ruhig und leer, wie draußen auf den gewöhnlich überfüllten Straßen Manhattans.

Ich nehme eine breite Treppe zur Residenz des Metropoliten Hilarion, Haupt der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROCOR). In meinen Händen halte ich außer einer Filmapparatur den in einen Plastikbeutel eingepackten Bischofsstab, oder genauer die Birkenkrücke, welche dem Heiligen Johannes von Shanghai gehörte. Diese wundervolle Gabe wurde mir überreicht von der neunzigjährigen Elisabeth Borisovna Fjodorova, die den Stab viele Jahre aufbewahrte nach dem Tod ihres Vaters, mit dem Vladyka Ioann lange im Briefwechsel stand und dem er den Stab als Geschenk vermachte.

Als er den alten Freund nicht mehr unter den Lebenden fand, übergab er diesen weißen Stab seiner Tochter. Elisabeth Borisovna erfüllte trotz aller täglichen Schwierigkeiten ihre Mission und verwahrte ihn unversehrt. Hier ist er nun, schlank, ganz aus rosa-weißem Birkenholz, darauf eingebrannt ein kleines orthodoxes Kreuz, mit welchem Vladyka Ioann alle seine Briefe und Papiere markierte. Heute werde ich ihn übergeben an Metropolit Ilarion, aus den Händen des Vladyka. Nach einem halben Jahrhundert des Vergessens wird der Stab Eigentum aller orthodoxen Christen, denen unser Ersthierarch auf seinen zahllosen Reisen in der Welt begegnen wird.

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Elisabeth Borisovna Fjodorova mit dem Bischofsstab des Heiligen Johannes von Shanghai

Es ist nicht das erste Mal, dass ich die Ehre habe, Metropolit Hilarion zu interviewen, aber dieses Mal bin ich spürbar aufgeregt… Das Thema unseres Gesprächs „Orthodoxe Missionsarbeit gestern, heute, morgen”, besonders der letzte Teil “morgen”, verlangte von mir bei der Vorbereitung der Fragen ein eingehendes Studium dessen, wie die Orthodoxie „heute“ lebt in Anbetracht aller Kompliziertheit der modernen Welt und der “Kriegszeit”.

In meinem Kopf kämpfen Fragen: wie am besten beginnen, wie das Gespräch aufbauen, damit es lebendig und interessant wird für den heutigen Gemeinde-Missionar, Gutes zu wirken in unserer schwierigen Zeit, und auch für den künftigen Gemeinde-Missionar, für den möglicherweise das Gespräch einen Anstoß zum Wirken gibt und vieles erläutert in der gegenwärtigen orthodoxen Missionsarbeit.

Denn zur Erklärung zahlreicher neuer Projekte, Sitzungen, Versammlungen und sogar Konzile, laufender oder in naher Zukunft vorzubereitender, kam ich zu Metropolit Hilarion. Doch die zukünftige orthodoxe Missionsarbeit kann man nicht erörtern, wenn nicht das Thema der Zukunft der Orthodoxie selbst gestreift wird… Über all das sowie über den persönlichen Weg des Metropoliten selbst in die Orthodoxie will ich mit ihm ins Gespräch kommen, und bin nervös, denn ich weiß, dass der Vladyka sehr beschäftigt und natürlich müde ist, weil er erst am Vorabend von einer Reise nach Hawai zurückgekehrt ist.

Aber all meine Aufregung vergeht schnell, wenn ich Vladyka Hilarion sehe, sein gütiges, lächelndes Gesicht. Ich übergebe ihm den Birkenstab des Heiligen. Er nimmt ihn zur Hand, stützt sich auf ihn, und schlägt unerwartet mit Schwung auf seinen Rücken und die Unterschenkel.

Damit also meine kranken Beine gesund werden”, erklärt er schlicht, als er meine Verwunderung sieht.

Na, dann muss man auch mich stoßen, alle meine wunden Stellen ausmerzen” – Ich wende ihm den Rücken zu, und nach dem heilsamen Schlag, durch diesen überhaupt nicht aus der Fassung gebracht, sondern durch die Einfachheit und Menschlichkeit des Vladyka Hilarion, blättere ich aufgeregt in meinem Heft und versuche mich an meinen zahlreichen Notizen zu orientieren.

“Aber regen Sie sich nicht auf… wenn irgendwelche Fragen sehr komplex sind, werden wir sie schrittweise angehen”, beruhigt mich Vladyka Hilarion, und lehnt sich in den Sessel zurück.

Vom gütigen “wir” kommt in der Tat das Gefühl auf, dass nicht “ich” auf der anderen Seite des Zimmers stehe, um zahlreiche Antworten vom ermüdeten Metropoliten “auszuforschen“, sondern dass “wir” zusammen jetzt die Hauptsache betrachten, was der Orthodoxe Missionar über das Vergangene, Gegenwärtige und die Zukunft wissen muss.

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- Die Übersetzung des Wortes Missionsarbeit – das ist der Auftrag: “Die Kirche Christi wird apostolisch genannt, und die Mission ist eine der grundlegenden Formen ihres Dienstes… und das Gebiet, wo das Licht berührt wird, das in der Kirche lebt, und die nicht erleuchtete Welt, das ist das Feld der Missionstätigkeit” – so habe ich gelesen in einem theologischen Artikel.

All das klingt schön, aber nicht sehr verständlich für ein einfaches Gemeindemitglied, und ich würde gerne mit ihrem Segen in diesem Interview über Missionsarbeit nicht in großen Zügen sprechen, sondern konkret, unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten unserer Zeit, in Anbetracht dessen, dass Missionsarbeit heute nicht nur junge Leute in den Straßen großer Städte sehr benötigen, und jene, die weit entfernt sind vom christlichen Glauben, sondern auch jene, die vielleicht ab und zu in die Kirche kommen, aber sich als geistiges Kind nicht erhört, verstanden, geführt fühlen…

Innere Mission für jene, die in die Kirche mal kommen und noch manchmal unbemerkt kommen werden und vielleicht nicht zur Kirche zurückkehren, es sei denn nur etwa zur Weihe der österlichen Kuchen und Eier. Und hier ist ein Zitat angebracht, welches ich in einem Artikel über Missionsarbeit gefunden habe. Aus einem Brief des Apostels Paulus: “Durch das Vorbild des persönlichen gottgefälligen Lebens wird der Grund gelegt für den Missionsdienst”.

Wenn wir über diese Worte nachdenken, dann ist es doch eine riesige Verantwortung, welche ein Geistlicher oder Laie übernehmen, Licht in die Welt zu tragen und das Wort Christi, die Weisheit, Geduld und Kenntnis zu haben, damit die Orthodoxie nicht entehrt und ihre wahre Lehre nicht kompromittiert wird!

Wie soll ein Laien-Missionar sein? Wie kann er es werden? In ihrer Rede, vorgetragen zur 80. Jahresfeier der Ost-Amerikanischen Diözese, haben Sie gesagt: “Wir rufen alle auf, die Teilnahme am alltäglichen Leben der Kirche auszuweiten”. Nehmen wir an, Iwan entschied, dass er nicht länger die guten Werke zur Seite schieben möchte, aber er ist nicht mehr 18 Jahre alt, und in die Pfadfinderorganisation oder in den Jugendbund wird er schon nicht mehr aufgenommen – womit soll er beginnen?

- Sie haben zu Recht gesagt, dass das Wort Missionsarbeit heißt “Sendung zur Predigt”, und das griechische Wort porefthendes (?) bedeutet: “So geht hin”, wie Christus den Aposteln gebot: So gehet hin und lehret alle Völker, und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu tun und zu halten, was ich euch geboten habe.

Das heißt, der Christ, jeder Christ, ist Missionar, weil, nachdem er den geistigen Reichtum von Christus dem Retter und von der Kirche empfangen hat, er diesen nicht nur für sich behalten und darüber stillschweigen, sondern Gott den Herrn preisen und die Liebe Christi mit anderen teilen soll, die Lehre, welche uns rettet. Er soll Sorge und Verlangen tragen für die Rettung des Nächsten.

Christen sollen Feingefühl haben für andere Menschen – und nicht nur für ihre Freunde und Bekannten, sondern auch für fremde Leute, z.B. solche, die in die Kirche kommen. Wir müssen es spüren, dass dieser Mensch zum ersten Mal in die Kirche kam. Es ist nötig, ihm Achtung zu bekunden und ihn irgendwie einzubeziehen. Oft verhalten wir uns gleichgültig zu neuen Leuten, die in die Kirche kommen, besonders in Gemeinden großer Kathedralen, wo Menschen sich einander nicht näher kennen können.

Oft kommen die Leute von weit her, und einen neuen Menschen zu bemerken, der zur Kirche kommt, ist schwierig, aber für viele Gemeinden sind die Gemeindemitglieder mehr oder minder bekannt. Es ist unbedingt nötig, dass es in der Kirche irgendjemand gibt, der sich um unbekannte Besucher und um Anreisende kümmert. Ein solcher Mensch soll hingehen, sie an den Türen begrüßen und sagen: “Bitte, treten Sie ein, wie können wir Ihnen helfen? Sind Sie zum ersten Mal hier?” – irgendetwas in dieser Art. Dann fühlen die Leute, dass man sich für sie interessiert, dass ihnen Liebe und Achtung erwiesen wird.

Es geschieht, dass ein Mensch in die Kirche kommt, und niemand widmet ihm Aufmerksamkeit, oder es kommt sogar manchmal vor, dass man ihn verurteilt, wie er sich kleidet oder dass er etwas falsch macht. In einigen Gemeinden ist das ein großes Problem, wenn Leute mit fehlendem Feingefühl sofort herbeieilen und die Bemerkung machen: Sie sind nicht richtig gekleidet, warum sind Sie in solcher Art gekommen.

Aber das darf doch nicht sein! Der Mensch kommt schon darum nicht mehr zur Kirche, weil es ihm unangenehm ist, in solche Lage zu geraten. Selten sagt jemand in seiner Demut: “Danke, beim nächsten Mal weiß ich…”, denn oft sind die Leute noch nicht von ihren Leidenschaften gereinigt, von ihrem persönlichen Stolz, sie fühlen sich beleidigt, und so verlieren wir sie.

Sensibilität ist erforderlich. Das ist nämlich auch Teil der Missionsarbeit: Dem Nächsten Liebe zu erweisen und ihm das Kostbarste zu geben – unseren Glauben, unsere Frömmigkeit, der Russischen Orthodoxen Kirche. Und nicht nur in Bezug auf Russen, sondern auch auf Ausländer, auf alle jene, die zur Kirche kommen und sich für die Orthodoxie interessieren. Sie brauchen oft eine besondere Herangehensweise, damit sie sich in unserer Kirche wohl fühlen.

Häufig sind neue Leute erstaunt und verwundert über die Schönheit und Pracht des Kirchengebäudes, die innere Ausschmückung und den Kirchengesang, die Liturgie, die Ikonenmalerei, all das spiegelt das kommende Äon, das himmlische Königreich. Derart kann ein beliebiger Mensch in der Kirche, jedes Gemeindemitglied, Missionar sein.

Wir, die wir im Ausland leben, haben noch eine andere Pflicht – neue Auswanderer willkommen zu heißen, aus Russland, aus der Ukraine, aus allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo die Menschen der geistlichen Bildung und des Wissens über die Kirche beraubt waren. Sie brauchen einen besonderen Zugang, sie müssen geistig aufgeklärt, in die Kirche einbezogen werden, damit sie die Sorge und Liebe spüren.

Darüber hinaus, wie ich schon sagte, müssen wir Beachtung schenken den Nicht-Orthodoxen, Ausländern, besonders im Westen, wo die christlichen Kirchen geistig verwelken und wegen Neuerungen so sehr verweltlichen, dass die Menschen solch gnadenentleerte Institutionen verlassen, irgendetwas wertvolleres, echteres suchen, und viele finden den Heiligen Orthodoxen Glauben.

In unserer Kirche gibt es auch solche Missionare, die in andere Länder fahren, um die Orthodoxie zu predigen. Nach dem Gebot des Erlösers sind wir verpflichtet, an breiterer missionarischer Tätigkeit teilzunehmen, ausgebildete Priester und Laien in andere Länder zu senden – dorthin, wo Interesse an der Orthodoxie in Erscheinung tritt, oder sogar dorthin, wo über das orthodoxe Christentum noch nichts bekannt ist.

Durch Missionsarbeit können wir sehr viel tun, besonders in unserer Zeit. Es ist eine sehr reife Zeit in der Welt für die Orthodoxie. Wie der Heilige Ioann von Shanghai anmerkte, dass die russische Revolution sich nicht nur ereignete zur Strafe und Belehrung, sondern auch zur Verbreitung des orthodoxen Christentums über die ganze Welt. Russische Menschen zerstreuten sich über die ganze Welt, sie erbauen überall Kirchen und führen ein kirchliches Leben, – und das verbreitet die Orthodoxie allenthalben.

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Der Heilige Ioann von Shanghai

 

- Vor zwei Jahren erzählten Sie mir im Interview ein wenig über ihre Kindheit. Mir sind besonders ihre Worte in Erinnerung, dass Sie Gott erkannt und lieben gelernt haben durch die Natur… durch die Schönheit der von Ihm geschaffenen Welt. Erzählen Sie, wer war in Ihrem Lebensschicksal der erste Missionar, den der Herr Ihnen sandte zur Erleuchtung und Bestimmung Ihres Weges?

War Ihre Familie sehr religiös? Ich weiß, dass es sieben Kinder gab und das Leben der Emigranten hart war! Wie gelang es Ihren Eltern, besonders der Mutter, mit so vielen Kindern in ihren Armen, im fremden Land und in Not lebend, den künftigen Metropoliten der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland großzuziehen?

- Schon von Kindheit an und sogar früher, denke ich, ist bereits in der Kinderseele der Glaube an die Existenz Gottes angelegt. Mir scheint, ich fühlte es immer, dass es eine höhere Macht gibt. In der Kindheit, als ich nachts aus dem Haus ging und zum Himmel schaute, da sah ich in ihm Millionen Sterne, vor allem dort im Norden Kanadas, wo ich lebte – das ist solch eine Schönheit! Ich fühlte die Größe der Weltschöpfung, und verstand, dass nur Gott dies schaffen konnte, dass alles nicht aus Nichts hervorgehen konnte. Gott muss es geben! Solch ein Gefühl verstärkt sich im Inneren, wenn wir darüber in Gedanken versinken.

Meine Eltern gingen nur von Zeit zu Zeit in die Kirche, weil wir wegen des Mangels an Geistlichkeit nicht immer Gottesdienste hatten, aber als ich zur Kirche kam, gefiel mir so sehr ihre Pracht und Schönheit! Wahrscheinlich wurde sehr schlicht gesungen, aber es schien mir derart wohlklingend…

In der Schule beteten wir in jenen Jahren in Kanada, wo ich aufwuchs, vor dem Beginn des Unterrichts, lasen das “Vater unser”. Die protestantische Organisation “Gideon” händigte jedem Schüler der Schule eine kleine Bibel aus, das Neue Testament, mit Psalter. Das half uns sehr, denn so begannen wir uns für die Heilige Schrift zu interessieren. Bedauerlicherweise wurde all dies später staatlicherseits verboten, und schon wurde nicht mehr in der Schule gebetet und nicht mehr das “Vater unser” gelesen. All dies wurde verboten durch gerichtliche Prozesse seitens der Atheisten.

Meine Eltern kamen nach Kanada, als sie 19 Jahre alt waren. Früher, in ihrer Kindheit, lebten sie in der Nähe des Gotteshauses, gingen zur Kirche; Mutter sang im Kirchenchor. Deshalb wurde all dies bei ihnen im Gedächtnis bewahrt. Aber, als sie nach Kanada kamen, lebten sie praktisch zwanzig Jahre ohne Kirche, weil es sehr schwierig war, ein Gotteshaus dort zu finden, wo sie sich ursprünglich angesiedelt hatten, und nur von Zeit zu Zeit erhielten sie die Gelegenheit, an Diensten teilzunehmen. Aus diesem Grund blieben die Eltern ihrer kirchlichen Gewohnheit nicht sonderlich treu, aber wenn eine Liturgie angesetzt wurde oder wenn jemand in der Siedlung gestorben war, dann kamen alle Nachbarn zum Gottesdienst zusammen.

Die Menschen arbeiteten damals hart, und die Kirche, aus Mangel an fortwährenden Gottesdiensten, stand bei vielen nicht an erster Stelle. Aber für mich wurde die Orthodoxie sehr wichtig. Anfangs war unser Gotteshaus klein. Später bauten sie eine große, viel schönere Kirche, und immer, wenn ich von der Schule im Bus an ihr vorbeifuhr, wurde ich daran erinnert, mit welchem Stolz ich auf sie schaute: sieh her, das ist meine orthodoxe Kirche! Ich machte mir bewusst, dass ich orthodox bin, und dass die Orthodoxie der einzig wahre Glaube ist.

Später beeinflussten mich sehr die Priester, besonders Erzbischof Panteleimon, der, ersatzweise für einen Priester, von weit her kam, aus Edmonton, 400 Meilen oder mehr entfernt, und in unserem kleinen Dorf selbst zelebrierte. Wenn ich mich ihm näherte und Fragen stellte, sprach er stets mit mir, und gab mir kleine Ikonen. Für mich wurde er zu einem Vorbild, dem ich nachstreben wollte.

In meinem Herzen entstand der Wunsch, Priester zu werden. Es gab einen Moment, als nach dem regulären Gottesdienst dessen Schönheit und Pracht auf mich so starken geistigen Einfluss ausübte, dass ich entschied: Ich möchte in der Kirche dienen, ich will Priester werden. Ich war damals sieben oder acht Jahre alt.

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- Und wie haben Ihre Eltern auf Ihren Wunsch reagiert?

- Ich behielt meine Entscheidung im Geheimen für mich, und erzählte den Eltern darüber nichts. Erst später, als ich beschloss, zum Priesterseminar zu gehen, begann ich mit ihnen über meine Absicht zu sprechen, am Seminar zu studieren. Sie versuchten, mich davon abzubringen. Mutter war besorgt, dass unsere Priester sehr ärmlich leben, und dass es besser wäre, den Lehrer- oder Arztberuf zu erlernen, weil das priesterliche Leben doch sehr beschwerlich sei. Aber ich argumentierte, dass ich nichts weiter wünschte, als lediglich zum Seminar zu gehen.

Vladyka Panteleimon versuchte für mich einen Platz am Priesterseminar in Europa zu finden, aber es klappte nicht. Ich las schon damals orthodoxe Literatur, darunter auch orthodoxe Zeitschriften in englischer und ukrainischer Sprache, und ich begann auch ein wenig russisch zu lesen. Ich erfuhr bald von der Russischen Kirche im Ausland und wendete mich an Bischof Savva von Edmont.

Einmal las ich über die neue Zeitschrift “Orthodox Word”, welche Vater Seraphim Rose herauszugeben begann. In der Ankündigung wurde davon gesprochen, dass bei Zuschriften an die Redaktion die ersten zwei Nummern dieser Zeitschrift kostenlos zugingen. Ich sandte sofort einen Brief, erhielt bald die Zeitschrift, und, beim Durchlesen der Nummer, erfuhr ich viel über den Erzbischof Ioann von Shanghai. Sein Leben machte mich sehr betroffen. Im gleichen Jahr 1966 entschlief der Vladyka, und dann begann man überall viel über ihn und seine Wunder zu schreiben.

- Und Sie erfuhren nur im Jahr 1966 erstmals von ihm?

- Nein, ein wenig früher.

- Ergab es sich, dass Ihre Wege sich einmal kreuzten?

- Ja, schon früher, als ich ein dreizehnjähriger Knabe war, schrieb ich an Erzbischof Ioann einen Brief. Er publizierte damals in San-Francisco ein Gemeindeblatt “Der Orthodoxe Bote”, und ich schrieb ihm meine Bitte, dass er mir dieses Kirchenblatt zusenden möge. Ich erhielt keine Antwort auf diesen Brief, dafür schickte mir Erzbischof Ioann zu Weihnachten und Ostern sein Sendschreiben zum Fest… Das war so ein Fall.

- Toll! Haben Sie das noch?

- Ja. Es wird bei mir im persönlichen Archiv aufbewahrt. Es ist einfach ein gedrucktes kirchliches Sendschreiben an die Herde. Und später erfuhr ich dann vom Tod des Vladyka.

- Sie waren geistlicher Sohn des Bischofs Savva von Edmont, ein Gleichgesinnter und treuer, jahrelanger Freund des Vladyka Ioann, der das erste Buch über den Heiligen schrieb: “Chronik der Verehrung des Heiligen Ioann Maksimovi

“. Welches Glück Sie doch hatten! Die Tiefe des Glaubens erlangten Sie von Jugend an von besten Lehrern, von Missionaren, denn solcherart war der Klerus jener Generation, der Revolution und Krieg durchquerte, standhaft einhaltend die Kanones der Orthodoxie, in einem beliebigen Land der Welt, wohin auch immer der Wille Gottes sie sandte auf den Wanderzügen der Emigration! Sie verstanden nicht nur die Menschen aus Hunger und Nöten zu retten, sondern auch, sie zur geistlichen Armee von Helfern und Kirchenerbauern umzugestalten. Ihnen nun war beschieden, diese Generation zu treffen und von ihr zu lernen!

- Nach Beendigung der Schulzeit, schon im Jahre 1966, versuchte ich in das Priesterseminar einzutreten, aber es gelang mir nicht. Bald las ich etwas über das Kloster der Heiligen Dreiheit und das Seminar in Jordanville in den USA. Ich war davon sehr begeistert. Sie berichteten, dass dort alles im Geist der Kirchenväter und Mönche gelehrt wird. Das Seminar befindet sich mitten im Kloster selbst, und es gibt Gemeinschaft mit den Mönchen. Schon damals wurde ich ein wenig interessiert für das Mönchstum.

Ich wandte mich an Vladyka Savva von Edmont. Ich lernte ihn damals kennen und fuhr mehrmals zu ihm als Gast. Er war ein sehr geistiger Mensch. Er zitierte immer die Heiligen Väter, und sprach über das geistige Leben, über das Innenleben der Seele.

Zur Zeit des Mittagessens lagen im Speisesaal auf dem Tisch von Vladyka patristische Bücher: Der heilige Symeon, der Neue Theologe, Abba Dorotheos, und viele andere. Während des Essens verlas sein Novize aus diesen Büchern Belehrungen. Vladyka selbst erzählte mir viel über den heiligen Ioann, den sie erst unlängst in der Krypta der Kathedrale von San Francisco zur Ruhe gebettet hatten. Vladyka Savva nahmt an der Aussegnung teil, war er doch sein nächster Freund und Unterstützer in den schwierigen Jahren.

Der Vladyka erzählte davon, dass Erzbischof Ioann ein sehr heiliges Leben führte. Alle Fälle seiner Wunder sammelte Vladyka Savva und sandte sie an die Zeitschrift “Orthodoxes Russland” in Jordanville. Anfangs wurden alle diese Zeugnisse dort abgedruckt, und später wurden die Artikel als separates Buch veröffentlicht. Vr. German Podmoschenskij und Vr. Seraphim Rose sammelten gemeinsam all diese Publikationen, fügten noch Zeugnisse hinzu, und gaben dann dieses Buch heraus. Auf diese Weise wurde die “Chronik der Verehrung des Heiligen Ioann” verfasst.

Vladyka Savva schrieb Vladyka Averkij über mich nach Jordanville, dass es einen gewissen jungen Mann gebe, der ins Priesterseminar einzutreten wünscht. Zwischen ihnen fand eine Korrespondenz statt, deren Resultat war, dass Vladyka Averkij es segnete, dass ich komme. Den ersten Kurs besuchte ich mit einiger Verzögerung im Jahr 1967, mit dem Segen von Vladyka Savva. Er hoffte, dass ich nach dem Studium nach Edmonton zurückkehren würde, um ihm zu helfen, aber ich liebte das Kloster der Heiligen Dreiheit bald so sehr, dass ich entschied, dort zu bleiben. Kurze Zeit später, als ich Seminarist wurde, erkrankte Vladyka Savva und entschlief.

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Hieromönch Seraphim Rose

 

 

- Wir können natürlich nicht alles in einem Gespräch umfassen, aber ich bin froh, dass Sie von Menschen erzählt haben, die zu Missionaren in ihrem Leben wurden. Die Mission ihrer “Verkirchlichung” vollbrachten sie. Das ist doch ein großes Glück! Bei mir und vielen anderen meiner Zeitgenossen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gab es keinen einzigen derart aufmerksamen Priester, der die Mission meiner “Verkirchlichung” auf sich genommen hätte. So etwas geschah bei mir nicht! Mein Weg zum Glauben ging durch viele Gemeinden und über viele Priester.

Die Vorsehung führte Sie aus einer kleinen Emigrantensiedlung in das Geistliche Zentrum der Russischen Orthodoxie im Ausland, nach Jordanville! Wer übernahm nach dem Tod Ihres ersten Lehrers, des Vladyka Savva, die Missionsaufgabe, Ihnen in Ihrer Jugend beizustehen, Ihnen zu helfen bei Ihrem weiteren geistigen Wachstum, dem Wissenserwerb und der nachfolgenden Entscheidung, die Mönchsweihe anzunehmen?

Ich kann von vielen erzählen, aber dies sind die Namen derer, mit denen meine Lebenswege besonders eng verflochten sind. In jenem Jahr, als ich ins Priesterseminar eintrat, wurde Vladyka Lavr zum Bischof geweiht, und ging fort vom Kloster, hierher nach Manhattan, um als Sekretär der Erzbischöflichen Synode zu arbeiten. Er fuhr nur einmal pro Woche zum Kloster, um im Seminar zu unterrichten, weshalb ich ihn damals noch nicht gut gekannt habe. Wir begegneten uns einfach, und ich erhielt vom Vladyka den Segen…

Interessant ist, dass in eben diesem Jahr Vladyka Pavel (Pawlow) zum Bischof geweiht und nach Australien gesandt wurde. Viele Jahre später, nach seinem Tod, wurde ich sein Nachfolger in dieser Eparchie. Und der dritte Hierarch, über den ich reden möchte, das ist Bischof Konstantin (Essenskij). Er war der erste Priester der Stadt Washington, wo Vladyka Ioann seinerzeit eine Gemeinde eröffnete. Vladyka Konstantin entschlief vor zwanzig Jahren. Ich zelebrierte seine Aussegnung und das Begräbnis im Staat Texas. Letzte Woche, nach 18 Jahren, überführten wir von dort seine Gebeine. Nach Öffnung des Sarges zeigte sich, dass die Gebeine unverwest geblieben waren; sie wurden zur Umbettung in das Kloster der Heiligen Dreiheit überführt.

Vladyka Konstantin war ein sehr großer Asket, weinte oft während des Gottesdienstes, betete viel, und deshalb würdigte ihn Gott solcher Unverweslichkeit. Natürlich bedeutet allein die Unverwestheit noch nicht Heiligkeit, aber es sagt aus, dass der Vladyka sehr fromm war und ein heiliges Leben lebte. Für Verherrlichung bedarf es der Zeugnisse und des Nachweises vorhandener Wunder aufgrund seiner Gebete zu Gott. Wenn dies der Fall sein wird, dann ist natürlich alles möglich in der Zukunft. Alles liegt in der Hand Gottes!

Als Antwort auf Ihre Frage nach den wichtigsten Namen in meinem Schicksal… In jenem Jahr gab es drei Hierarchen, mit denen ich später viele Jahre meines Lebens verbunden war: Ich wurde Metropolit nach Vladyka Lavr, übernahm die australische Eparchie nach Vladyka Pavel und trug Vladyka Konstantin zu Grabe, der morgen in ein neues Grab umgebettet wird, an einem neuen Ort.

Das Heilige Dreiheits-Kloster hat auf mich sehr stark eingewirkt. Dort gab es viele geistige Menschen, angefangen bei Erzbischof Averkij, ein vortrefflicher Prediger. Noch am Leben waren viele ältere Mönche, solche, wie der Klostergründer, Vr. Panteleimon, der sich auszeichnete durch seine Arbeitsliebe und Schlichtheit, Archimandrit Josef, der asketische Kämpfer, der mit den Mönchen sehr streng war, und uns, die Seminaristen, Kirchengesang lehrte.

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- Und fühlten Sie sich sofort wohl in dieser ganzen Atmosphäre? Hier so ein junger Mann, der aus den Weiten Kanadas kommt?…

- Nein, nicht sofort… Nachdem ich im Kloster angekommen war, wollte ich nach zwei Wochen bereits wieder wegfahren. Das Leben in Jordanville war für mich derart ungewohnt. Ich dachte, dass ich zurückgehe zu Vladyka Savva. Alles war ziemlich unerwartet…

- Und was machte denn einen so abschreckenden Eindruck auf Sie in den ersten Tagen? Dass alle im Kloster ziemlich streng waren, oder dass Sie erkannten, dass die Entscheidung “ernst und auf immer” zu fällen war?

- Sehr ungewohnt… Bis jetzt lebte ich nur zuhause, und hier in der neuen ungewohnten Umgebung gab es sofort so viele unbekannte Menschen! Außerdem, wenn wir ins Kloster kommen, denken wir fälschlicherweise, dass dort alle heilig sind. Mit der Zeit beginnen wir dann fremde Schwächen und Mängel zu bemerken. Einem neuen Menschen mag es scheinen, dass es für ihn möglicherweise besser wäre, hier nicht zu bleiben.

Also das schrieb ich damals Vladyka Savva in meinem Brief: “Ich verliere hier den Mut und möchte zurückkehren”. Der Vladyka antwortete: “Wenn du Mönch werden möchtest, musst du das ertragen. Später wirst du schon klarer erkennen, was zu tun ist, aber jetzt musst du allem standhalten!” – und als ich das las, wurde mir leichter. Ich blieb im Priesterseminar.

- Hier aus diesem Beispiel wird deutlich, wie wichtig es war, dass es in Ihrem Leben einen derartigen Missionar gab, den Lehrer Vladyka Savva! Unser Gespräch begann damit, welche Rolle im Schicksal eines jeden Menschen die Mitwirkung von irgendjemand spielen kann… Und wie viele solcher Schicksale leitete durch seine Aufmerksamkeit auf eine geistige Bahn der Vladyka Ioann von Shanghai?!

- Und wie trafen Sie immerhin doch die Entscheidung, die Mönchsweihe anzunehmen?

- Nun, ich denke, dass das auf natürliche Weise geschah. Wenn Sie mit Mönchen leben, nehmen diese mit ihrer persönlichen Art zu leben, mit ihrer Arbeitsliebe, der Beständigkeit in der kirchlichen Lebensweise, mit ihrer Demut und einfach menschlichen Anmut, Einfluss auf Sie. Man fühlt sich wohl. In Jordanville arbeitete ich auch in der klösterlichen Druckerei. Das war eine sehr interessante Arbeit: Du liest alle Artikel, wirbst Texte an, dann liest Du sie wiederum durch.

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Metropolit Ilarion in seinem Arbeitskabinett, 2009

 

 

- Und ist die verlegerische Tätigkeit heute in Jordanville schon nicht mehr jene, die sie war in den Jahren der Existenz der Sowjetunion?

- Die Verlagstätigkeit wird dort auch heute fortgesetzt, aber in einer anderen Form. Alle Druckmaschinen sind veraltet. Noch zu meiner Zeit beendeten wir schon das Arbeiten auf Linotype und wechselten zu Computern. Anfangs war das nicht leicht, aber jetzt wird schon alles vollständig auf Computern eingegeben.

- Kürzlich war ich in Jordanville und sah, dass sie in der Druckerei noch einen Speisesaal für Pilger eröffnet haben… Zur Zeit von Vladiyka Lavr drehten wir dort einen Film über missionarische Verlags- und Bildungsaktivitäten des Klosters…

- Jetzt ist es teuer, in Amerika zu drucken. Russische Bücher sind leichter aus Russland zu bekommen, wo es eine große Auswahl gibt. In Russland wird jetzt auch alles neu verlegt, was früher in Jordanville herausgegeben wurde. Gegenwärtig wenden wir im Kloster besondere Aufmerksamkeit auf die Edition englischsprachiger Bücher. Die Leute kaufen mehr Bücher in Englisch, und das ist sehr wichtig, denn die Literatur wird unter der zeitgenössischen Jugend verbreitet.

- Abgesehen davon ist es leichter, ein Buch auf dem Computer zu speichern, es an eine gewisse Druckerei zu übersenden und die nötige Anzahl von Exemplaren zu bestellen, als das Kloster mit einer großen Anzahl von Büchern vollzustopfen, welche vielleicht nur schwierig schnell verkauft werden können.

- Zweifellos gehörte viele Jahre der Druck auf dem Gebiet Bildung zu den Hauptaufgaben der Mission der ROKA.

- Ja, das war die Mission der Erhaltung und Herausgabe seltener theologischer und erbaulicher Bücher, welche in der Sowjetunion große Nachfrage bewirkten. Damals gab es dort solche Literatur nicht, und unsere Publikationen wurden sehr geschätzt. Seitdem die Kirche in Russland sich vom Joch der Verfolgung befreite, begannen sie dort geistliche Literatur zu verlegen. Jetzt bekommen wir eine Menge Bücher aus Russland.

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- In der orthodoxen Missionsarbeit wird deutlich sichtbar eine Kontinuität der Generationen. Eine einzige gute Tat, eine einzige feinfühlige Handlung gegenüber nur einem Menschen kann sich oft auswirken auf das künftige Schicksal von Millionen!

Ihre Geschichte über den Vladyka Savva von Edmonton erinnerte mich an die Erzählung von Vladyka Seraphim (Ivanov), einem bedeutenden Missionar, Gründer der Neue-Wurzel-Einsiedelei , in seinem Buch “Wegführerin des Russischen Auslands”: Er schreibt, dass die ersten Gedanken über das Mönchtum in seiner Kindheit auftauchten, als er, Jugendlicher noch vor der Revolution, zur Einsiedelei von Kursk fuhr, irgendeinen betagten, guten Mönch besuchte, mit dem er dort angelte und Fischsuppe kochte… Und in ihrem Leben nun gab es so viele bemerkenswerte Lehrer! Wie haben Sie sich also nach dem Brief von Bischof Savva verhalten?

- Zu der Zeit, als ich das Priesterseminar beendet hatte und entscheiden musste, was jetzt tun, war ich schon stark mit dem Kloster verbunden. Zusammen mit anderen jungen Absolventen des Seminars wurde ich zunächst Novize und empfing dann später die Mönchsweihe. Vladyka Averkij wurde am Ende seines Lebens schwer krank; ich war bei ihm Zellendiener.

Ich war bei ihm im Krankenhaus fast sechs Monate, half ihm bei allem, las vor, und wurde sehr vertraut mit Vladyka. Ungeachtet seiner schweren Erkrankung, zelebrierte er die Göttliche Liturgie und weihte mich zum Diakon. Obgleich er danach fortfuhr, in die Kirche zu gehen, wurde es für ihn doch zu schwer, zu dienen.

Als meine Mutter im März des Jahres 1976 verstarb, segnete mich Vladyka Averkij, nach Kanada zum Begräbnis zu fahren. Ich kam aus Kanada zurück, und zwei Wochen nach dem Tod meiner Mutter wurde Vladyka plötzlich krank: Er erlitt den dritten Schlaganfall und starb im Krankenhaus. Nachdem Vladyka Averkij ausgesegnet war, wurde Vladyka Lavr zum Vorsteher des Klosters der Heiligen Dreiheit ernannt. Er rief mich sofort herbei und sagte: “Morgen werden wir dich zum Priester weihen”. Er weihte mich im Jahr 1976, am Lazarus-Samstag, zum Hiero-Mönch des Klosters der Heiligen Dreiheit.

Als Vladyka Lawr Abt wurde und wir ihn besser kennenlernten, da haben wir ihn sehr liebgewonnen wegen seines Mönchseifers: Er stand stets früh auf, kam als Erster in die Kirche, und tat alles mit Ausdauer, Sanftmut und Demut. Er verhielt sich zu allen freundlich! Das war sehr wichtig. Wir alle achteten und verehrten ihn. Durch diese persönlichen Qualitäten hatte er die Möglichkeit, nach Metropolit Vitalij zum Metropoliten gewählt zu werden.

- Und ging außer Ihnen in Ihrer Familie noch jemand den orthodox-kirchlichen Weg?

- Nein, überhaupt nicht.

- Aus den Erzählungen über Ihr Leben entsteht ein Gefühl, als ob Sie seit früher Kindheit “erwählt” und “geführt” worden wären…

- Alle aus meiner Familie waren viel älter als ich und waren mit ihren weltlichen Angelegenheiten beschäftigt. Und nur ich, das letzte Kind, fand zur kirchlichen Gemeinschaft und befinde mich bis zum heutigen Tag in ihr.

- Und wie äußerte sich Ihre Mutter vor ihrem Tod über die Wahl ihrer Lebensweise, als schon klar wurde, dass es ernst und durchdacht war?

- Als ich mich entschied, Mönch zu werden, da schrieb ich den Eltern, dass “ich nach einigen Jahren im Kloster, wo mir alles gefällt, Mönch werden möchte”. Anfangs dachten sie, dass ich einfach Priester einer Gemeinde sein werde, aber nach diesem Brief sagten sie: Wir segnen Dich!

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- Und wie oft gelingt es Ihnen, Ihre Verwandten zu sehen?

- Sehr selten, weil die meisten von ihnen gestorben sind. Mir blieb nur ein Bruder. Meine Geschwister waren viel älter als ich, und in jenen Jahren arbeiteten sie schwer unter sehr komplizierten Bedingungen. Viele starben früh an Krankheit. Mir blieben noch Neffen und Nichten.

- Und gelingt es ihnen, im Kreis der Familie zu weilen?

- Nur wenn ich mich in der Ukraine aufhalte. Dort habe ich viele Verwandte. Dieser Teil der Familie steht mir näher. Meine Neffen, die im Westen leben, sind von der Orthodoxie bereits abgefallen, weil ihre Väter nicht-orthodoxen Konfessionen angehören. Aber in der Ukraine und Russland sind meine Verwandten orthodox. Mein Heimatdorf befindet sich in der Region von Wolhynien. Viele Verwandte leben überall in der Ukraine, auch in Moskau, in Kasachstan, und in Australien! Am nächsten stehen mir die Verwandten in Australien, wo ich 12 lange Jahre verbrachte. Dort lebt meine Cousine, ihre Tochter und der Enkel.

- Gott sei Dank, dass Sie irgendwo “nachhause” kommen und in Familienwärme verweilen können! Und was sagten ihre Brüder, nachdem Sie die Mönchsweihe empfingen?

- Sie waren in ihren Ansichten sehr aufgeschlossen und meinten, dass jeder das wählt, was er möchte. Niemand verurteilte mich.

- Aber kamen sie zu Ihnen in die Kirche zum Gottesdienst?

- Nein. Zu jenem Zeitpunkt waren alle über verschiedene Städte zerstreut. Ja, und überhaupt waren wir alle in der Familie sehr selbstständig.

- Wenn wir über Missionsarbeit “heute” sprechen, so ist es unmöglich, das Grollen des Krieges in der Ost-Ukraine zu ignorieren, welches auch unsere Gemeinden im Ausland erreicht. Es kommt vor, dass Menschen sich in Gruppen aufteilen, je nach Meinung, je nach Unterstützung entweder der ukrainischen oder der pro-russischen Seite in diesem Konflikt. Für mich ist Missionsarbeit untrennbar vom allgemeinen Gewebe unseres Lebens…

Was sollen wir tun, wir Gemeindemitglieder? Wie sollen wir auf angemessene Weise einer Provokation begegnen, wenn so etwas in der Kirche vorkommt, oder während eines missionarischen Projekt? Die orthodoxen Russen in Amerika sind heute vor eine schwierige Situation gestellt – wachsender Antiamerikanismus in Russland auf der einen Seite und glühender Argwohn in Bezug auf die russische Regierung auf Seiten der Amerikaner. Was muss der Laienmissionar wissen, der unter solch schwierigen “geopolitischen” Bedingungen wirkt, damit er den Provokationen nicht erliegt, Grobheit nicht grob erwidert?

Einige Gemeindemitglieder tragen Georgsbändchen, und haben das Recht dazu, aber selbstverständlich kann solche Demonstration politischer Präferenzen eine Reaktion bei Gemeindemitgliedern mit anderer Auffassung hervorrufen. Wie nicht einen noch größeren Konflikt, welchen wir schon heute haben, provozieren?

Ich weiß, dass in einer der Gemeinden der Russischen Auslandskirche Schlägereien stattfanden, zwischen Orthodoxen ukrainischer und russischer Herkunft, die aus derselben Gemeinde stammten. Dies sei deshalb angeführt, damit moderne Missionare bei ihren Projekten fachkundig vorbereitet werden und nicht “eigene Phantasie” ausleben, wenn sie über wichtige Fragen sprechen. Werden die Priester in den Gemeinden mit uns Gespräche führen, damit wir richtig orientiert und in der Lage sind, richtig auf die sich entwickelnde Konfliktsituation zu reagieren?

Und wer wird die Priester in solchen Gesprächen vorbereiten, auch sie sind doch Menschen und haben ebenso Überzeugungen hinsichtlich der Vorgänge in der Ukraine? Es gibt die Auffassung, dass die ganze Welt gegen Russland loszieht, wie gegen das letzte Bollwerk der Orthodoxie. Ist das so, nach Ihrer Ansicht?

- Wir müssen beten. In solch schwerer Zeit ist das die Hauptsache: Zu beten für das Ende dieses brudermörderischen Krieges. Wir sollen beten, damit der Hass aufhört und Liebe und Bruderliebe beginnt! Das ist der Feind des Menschengeschlechts, der versucht die Leute zu zerteilen, und vor allem, der Einheit der Kirche zu schaden. Er hasst es, wenn die Leute zusammen sind.

Wir müssen standhaft bleiben. Wir dürfen nicht mit Beschuldigungen im kirchlichen Leben auftreten! Wenn vergleichbare Situationen kommen, dann ist es nötig, sehr überlegt und vorsichtig zu handeln. In den Gemeinden gibt es immer Leute mit verschiedenen Meinungen, aber man darf nicht zulassen, dass irgendeine Seite die Kirche verlässt… Es ist notwendig, dass die Menschen gemeinsam beten, dulden und flehen, dass Gott alle beruhigen und ihnen Kraft geben möge, dies alles zu überleben, dass Er helfen möge, dass Gerechtigkeit und Wahrheit triumphieren!

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Metropolit Hilarion umgeben von der barmherzigen Schwesternschaft der Hl. Elisabeth in Jerusalem

 

 

- Das heißt, wenn ich Sie richtig verstanden habe: Irgendwelche Versammlungen und Erörterungen zu diesem Thema führen nur zu einem größeren Konflikt.

- Im Fernsehen, in der Presse und im Internet werden zur Genüge Diskussionen geführt und gegensätzliche Meinungen geäußert. Wir dürfen das nicht in die Kirche tragen. Ich denke, es ist am besten, den politischen Leidenschaften nicht nachzugeben. Verständnis und eine eigene Meinung zu haben, das zu unterstützen, was wir für richtig halten, das ist das Eine, aber Menschen zu beleidigen und persönlich anzumachen, das darf nicht sein.

Wenn irgendjemand an einer anderen Meinung festhält, müssen wir uns bemühen, nicht zu streiten. Streitereien führen zu nichts und stärken nur Feindschaft und Hass. Zeichen politischer Bevorzugung müssen wir nicht demonstrieren während des Gottesdienstes in der Kirche. In geistlicher Umgebung soll nicht bekannt werden, an welcher Meinung Sie festhalten.

- Einige sind der Ansicht, dass, wenn du nicht öffentlich deine Meinung darlegst, du an einem Mangel des russischen Patriotismus leidest…

- Nein, das ist ein Fehler. Wir dürfen nichts tun, was andere Menschen provozieren könnte.

- Ich habe durch Lektüre sehr viele Informationen bekommen über die Aktivitäten der Russischen Auslandskirche und über ihre persönliche Beteiligung an der Entwicklung derMissionstätigkeit heute. Erzählen Sie uns, welche wichtigen Unterschiede bestehen zwischen der Missionstätigkeit im Allgemeinen und jener der Auslandskirche im Besonderen, worin unterscheidet sich die gegenwärtige Mission von jener, welche die frühere Generation antrieb, zu welcher Erzbischof Ioann und der heilige Nikolaj von Japan gehörten, und wurde die geistliche Mission der russischen Emigration aufbewahrt, oder ging sie mit der Vergangenheit dahin?Welche Besonderheiten, Schwierigkeiten und Erfolge können Sie in der Missions- und orthodoxen Predigtarbeit heute feststellen? Könnten Sie vielleicht aus Ihrer persönlichen Erfahrung etwas erzählen?

- Die Arbeit, welche die Orthodoxie leistet, ist sehr umfangreich, insbesondere in Amerika. Es wird sehr viel Literatur herausgegeben, vor allem für diejenigen, die die Orthodoxie kennenlernen möchten. Dazu zählen auch die verschiedenen Jurisdiktionen, besonders die Antiochenische Orthodoxe Kirche, die sehr offensiv und aktiv arbeitet und viele Menschen in die Orthodoxie zieht.

Ganze Gruppen von Protestanten, anglikanische Gemeinden gehen zur Orthodoxie über. Einige von ihnen bewahren den westlichen liturgischen Ritus und seine gottesdienstlichen Eigentümlichkeiten, welche Teil der gesamten christlichen Kirche im Westen bis zum Schisma waren und bis zu einem gewissen Grad den Menschen der westlichen Kultur den Übergang zur Orthodoxie erleichtern. Die Antiochenische Kirche entwickelt gegenwärtig verstärkt die Missionsarbeit.

Was die Russische Auslandskirche angeht, so tun wir auch vieles. In Amerika gründete schon im Jahr 1950 der erzbischöfliche Synod die Amerikanische Orthodoxe Mission und weihte den amerikanischen Erzbischof Jakob (Toums?), dank dem im Kloster der Heiligen Dreiheit die Zeitschrift “Orthodox Life” zu erscheinen begann, und Gebets- und Gottesdienstbücher in englischer Sprache herausgegeben wurden.

Unsere Tätigkeit fing schon damals an, als andere Jurisdiktionen sich noch wenig mit diesem Gebiet beschäftigten. In den letzten zehn Jahren eröffneten wir die Mission in Haiti, in Indonesien, in Pakistan und unlängst – auf den Philippinen. Dort gibt es sehr viel Interesse am Übertritt zum orthodoxen Glauben, und gegenwärtig empfängt auch das Moskauer Patriarchat eine große Zahl von Gemeinden der örtlichen Kirche, welche sich einst vom Katholizismus trennte. und baute eigene Gemeinden auf. Diese Gruppe von Gläubigen durchläuft eine Katechisation.

Auf solche Weise wird nicht nur die Auslandskirche gestärkt, sondern die gesamte Russische Orthodoxe Kirche. Das Moskauer Patriarchat, das bis jetzt keinen Ansatz und Erfahrung in dieser Angelegenheit hatte, verstärkt nun seine missionarische Tätigkeit, was sehr erfreulich ist.

Was den Erzbischof Nikolaj von Japan betrifft, so ist das der Höhepunkt der Missionstätigkeit der Russischen Kirche. Der Heilige widmete sich 20 Jahre dem Studium der japanischen Religion, Kultur und Sprache, der örtlichen Sitten und Gebräuche. Erst nach solch tief eindringender Bekanntschaft mit dem Land fing er an, Menschen für das Christentum zu gewinnen. Der Heilige Nikolaj hatte sehr großen Einfluss dank seiner Kenntnisse und die Fähigkeit, den Zugang zu Japanern zu finden. Natürlich können nicht alle über ein solches Kaliber verfügen, aber gemäß unseren Bedingungen hier im Ausland arbeiten wir viel mit der englischsprachigen Bevölkerung.

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Nach der Weihnachtsliturgie, an der Metropolit Hilarion am 7. Januar 2015 teilnahm, in der Synodalkathedrale der Gottesgebärerin des Zeichens in New York.

 

 

- Aber bewahren wir die geistige Mission der russischen Emigration oder ist sie schon in den Hintergrund getreten?

- Geistige Mission der russischen Emigration, das bedeutet, sich in der Orthodoxie zu bewahren und anderen die Orthodoxie zu bezeugen. Das ist unsere zweifache geistige Mission. Erstens ist es nötig, die schon bestehende Herde zu unterstützen. Es ist nötig, die neuen Einwanderer willkommen zu heißen, jene, die aus Russland und anderen Ländern kommen, und ebenso auch neue Orthodoxe in unser kirchliches Leben zu integrieren – das ist das zweite. Und drittens ist erforderlich, allen Völkern zu bezeugen, dass Orthodoxie die Kirche Christi ist und in ihr die Rettung liegt!

- Es kommt oft vor, dass wir scharfe Worte hören über Katholiken oder Nicht-Getaufte und darüber, wie sie in die orthodoxe Kirche kommen sollen, in welchem Fall sie von uns “übernommen werden” könnten. Es waren auch solche Meinungen zu hören: “Soll er am Kerzenstand stehen, solange er sich nicht umtaufen lässt, und erst danach darf er in die Kirche hineinkommen“.

Aber während einer Pilgerreise nach Europa, um Filme zu drehen, machte auf mich das orthodoxe Europa einen Eindruck, welcher mein Leben veränderte. Ich dachte aus Unkenntnis, dass wir Russen ein Monopol auf Orthodoxie hätten, und dort sah ich wahrlich so viele orthodoxe Menschen nicht-russischer Herkunft! Wie sagte mir die Matuschka von Vr. Andrew Philipps, der in England eine Kirche gründete zu Ehren des heiligen Johannes von Shanghai: “Meine Nationalität ist orthodox, meine Fahne – das Kreuz des Herrn”.

Bei einem Video-Interview mit orthodoxen Priestern in Europa war ich verwundert, wie ähnlich ihre Erzählungen über die ersten Eindrücke waren, welche sie empfingen während des Besuchs einer orthodoxen Kirche. Oft stellte sich die erste Visite als “zufällig” heraus, und sie alle beschrieben ihre ersten Empfindungen mit absolut ein und demselben Satz: “Wir fühlten, dass wir nachhause kamen…”. Welch ein Glück, dass von ihnen niemand verjagt wurde, weil sonst eine riesige Armee von orthodoxen Priestern für die Orthodoxie verloren gegangen wäre…

Und natürlich, eines der markantesten Beispiele ist der Metropolit Kallistos. Die Geschichte seiner Ankunft in der Orthodoxie ist verbunden mit der schicksalhaften Begegnung mit dem Heiligen Vladyka Ioann, der damals dem jungen Engländer persönliche Aufmerksamkeit und Verständnis entgegenbrachte. Er erkannte mit scharfsichtigem Blick in dem jungen Andersgläubigen den künftigen Missionar, denn so doch ist für die orthodoxe Weltgemeinschaft der Metropolit Kallistos (Ware) Bischof von Diokleia geworden, der mehr als dreißig Jahre in Kirchen, Klöstern und der ältesten Oxford-University für das Wohl der Orthodoxie gearbeitet hat.

Sein schriftstellerischer, wissenschaftlicher und akademischer Beitrag zur orthodoxen Mission ist außerordentlich groß, und es ist schrecklich, sich vorzustellen, welcher Schaden der Sache der Verbreitung der Orthodoxie zugefügt worden wäre, wenn nicht der feinfühlige Vladyka Ioann schon viele Jahre zuvor den Impuls der Seele des künftigen Metropoliten erkannt hätte.

Metropolit Kallistos (Ware), der Bischof von Diokleia, erzählte mir während eines Interviews, dass der Vladyka, nach der Liturgie in der Kirche in Versailles, ihn als Ersten aufforderte, zur Ölsalbung zu kommen: “Ich blieb an meinem Platz stehen, da ich nicht wusste, ob ich als Nicht-Orthodoxer zur Salbung kommen darf. Aber dieses Mal legte er Hartnäckigkeit an den Tag und rief mich mit gebieterischer Geste herbei. Ich kam heran, empfing die Salbung und entfernte mich dann sogleich… In der Folge begegneten wir uns öfters und hatten Gespräche”. Wie erklären, was an jenem Tag mit ihm geschah?

Um ein für alle Mal die Streitigkeiten über die richtige Aufnahme Andersgläubiger in unseren Gemeinden zu beenden, erläutern Sie bitte, WIE soll man ihnen, oder auch jenen, die noch nicht getauft sind, in der orthodoxen Kirche begegnen? Wie MUSS man auf orthodoxe Weise handeln, damit so ein Mensch nicht verlorengeht, und die orthodoxe Tradition nicht verletzt wird?

In Ihrem Interview für Ancient Faith Radio, wo Sie über die Versammlung der orthodoxen Bischöfe Nordamerikas sprechen, machen Sie die Bemerkung, dass “wir die Missionsarbeit nicht nur außerhalb der Grenzen Amerikas, sondern auch in seinem Inneren entfalten müssen”. Sie weisen ebenso zu Recht darauf hin, dass der Zugang eines neuen Gemeindemitglieds zur Kirche oft dank persönlicher Kontakte und Bekanntschaften zustande kommt, und nicht durch systematische Missionsarbeit… Und wie soll man es erreichen?

- Es zeugt von großer Ignoranz, wenn jemand meint, dass ein Andersgläubiger am Kerzenstand zu stehen hat, oder wenn jemand derartige Missgunst gegenüber neuen Leuten, die in unsere orthodoxe Kirche kommen, an den Tag legt. Im Gegenteil, wir müssen größte Höflichkeit und Gastfreundschaft zeigen. Außerdem ist es nötig, irgendeinen Verantwortlichen in der Gemeinde zu benennen, der alle Neulinge begrüßen und zeigen könnte, wo man sich hinstellen soll, der unsere Traditionen erklären könnte. Man braucht sie ja nicht sofort zum Altar zu führen, aber wichtig ist, eine Geste der Gastfreundschaft zu machen: “Aber bitte, kommen Sie doch in die Kirche” usw.

Nach dem Gottesdienst kann man sich bei neuen Besuchern erkundigen, ob sie nicht irgendeine Art von Aufklärung oder orthodoxe Literatur brauchen. Es wäre schön, irgendwelche Information über die Kirche auf einem Faltblatt oder in einer Broschüre auszuhändigen, sich dafür zu bedanken, dass die Leute gekommen sind, und sie einzuladen, zurückzukehren, und mit einem guten Abschiedswort abzuschließen. Dann wird der neue Mensch wiederkommen und kann dann später allmählich Mitglied der Orthodoxen Kirche werden. Somit ist also erforderlich, jene zu rügen, die in Beziehung auf neue Leute sich schlecht aufführen, und ihnen nicht derartige Macht einzuräumen.

Gott sei Dank, glaube ich, verbessert sich in vielen Gemeinden die Situation, weil die Leute gelernt haben, freundlicher zu neuen Besuchern zu sein. Es ist notwendig, jeden Menschen, der in die Kirche kommt, wertzuschätzen, weil wir für ihre Zukunft verantwortlich sind. Wenn wir einen Menschen durch eigenes Verhalten oder Worte wegjagen, begehen wir eine große Sünde in Bezug auf die eigene Rettung. Wenn aber umgekehrt wir einen Sünder retten, wird uns ein Großteil unserer Sünden vergeben! Dies ist eine kirchliche und geistige Regel, welche uns Christus Selbst gegeben hat.

Es ist unbedingt nötig, dass jede Gemeinde einen Unterricht anbietet für Interessenten an der Orthodoxie. In vielen Gemeinden existieren schon derartige Klassen, besonders dort, wo die Priester selbst irgendwann einmal aus einer anderen Religion zur Orthodoxie konvertiert sind, und um die Bedeutung der Katechisation und der Ausbildung wissen. Sie merken sich sofort einen Menschen, der auch nur ein klein wenig an Orthodoxie interessiert ist, um mit ihm weitere Gespräche führen, ihn auf die Taufe und die Aufnahme in die Kirche vorzubereiten. Das ist sehr wichtig!

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- Weil wir über die Missionsarbeit in Amerika sprechen, möchte ich ein Beispiel aus der Bulgarischen Diözese anführen, aus der Gemeinde Holy Dormition in der Stadt Santa Rosa in Kalifornien. Dort gibt es eine multinationale Gemeinde (Herde), und sie ziehen dort neue Gemeindemitglieder nicht nur über die Kirche, sondern auch über soziale Projekte heran: Eine Akademie des Hl. Innokentij für schwer erziehbare Jugendliche, ein sehr schönes orthodoxes Zentrum “Nicht von dieser Welt”, mit Läden, Café und Kapelle, ein Theater-Club bei der Kirche lenken die Aufmerksamkeit der lokalen Jugend auf sich. Sie führen verschiedene Konferenzen zu Ehren des heiligen Ioann von Shanghai durch, über Fragen der Familie und vieles andere, was in Erstaunen setzt durch ihre kreative Findigkeit und Fürsorge für den Menschen.

Die Griechen tun viel für kranke Kinder. Ein Beispiel: Die Akademie des Hl. Basilios im Staat New York. Missionsarbeit ist doch besonders nötig für Kinder aus missglückten Familien… Ich habe Ihnen erzählt über die tragischen Schicksale unserer russischen Waisenkinder, erkrankt am fötalen Alkoholsyndrom, adoptiert nach Amerika, lebend auf einer speziellen Ranch in Montana…

Was wird heute in dieser Richtung getan? Gibt es bei uns denn Nachfolger von Vladyka Ioann und seinen Waisenkindern? Warum frage ich das? Weil manchmal der Eindruck entsteht, dass wir bei allen unseren großen Möglichkeiten zwar Wohltätigkeitsveranstaltungen, Spendenaktionen, Mittelsammlungen für den Bedarf unserer Kirchen, Gemeinden, d.h. für uns selbst öfters durchführen, was ja auch nicht schlecht ist, aber ich würde gerne auf Dauer jenen helfen wollen, denen es schlechter geht als uns. Dass in jeder Gemeinde solche Missionstätigkeit aufgenommen wird, damit wir jemand an den Schultern packen, damit wir jemanden schleppen, wie wir auch selbst es schwer hatten. Ich verstehe, dass jede Kirche viele Nöte hat, aber das Leben zeigt, dass bei jenen, die das letzte Stück Brot teilen, immer alles zum Ruhme Gottes geschieht!

Das wird Wohltätigkeit genannt! Bei uns wird viel in dieser Richtung getan. Zum Beispiel gab es unlängst bei uns zum Erntedankfest in den Gemeinden eine Lebensmittelsammlung. Die Leute brachten, was sie konnten. Alles Gesammelte gaben wir einer Wohltätigkeitsorganisation, welche die Lebensmittel unter Bedürftigen verteilte.

Ich hatte fortwährende Führung im Sinn, Schirmherrschaft über ein Kinder- oder Obdachlosenheim. Letztes Jahr machte ich Aufnahmen in einem flämischen orthodoxen Kloster, geweiht der Ikone “Aller Betrübten Freude”, bei Vr. Thomas. Dort gibt es nur sechs Menschen in der Bruderschaft, aber sie haben in Peru ein Waisenhaus und eine Kirche erbaut. Und all das wird finanziell vollständig getragen und geistig versorgt.

- Unsere Gemeinden befassen sich viel mit Wohltätigkeit. Die Leute reagieren besonders großzügig, wenn irgendwo ein Unglück passiert, überweisen Geld auf dem Wege des Wohltätigkeitsfonds der Russischen Auslandskirche- eingerichtet als Fonds zur Unterstützung der ROCOR. Unsere Mitarbeiter sind sehr entgegenkommend.

- Unterhalten und versorgen sie heute in der ROCOR Kinderheime oder Invalidenhäuser, eigene moderne Heimstätten?

-Wir haben zur gegenwärtigen Zeit einfach finanziell nicht solche Möglichkeiten. Sie erwähnten die Griechen. Unter ihnen gibt es viele sehr wohlhabende Leute, die für solche Programme große Spenden aufbringen. Bei uns gab es verschiedene Heimprojekte, aber sie verliefen im Sande, weil es nicht die notwendige Unterstützung gab. Aber das ist natürlich nicht das einzige Hindernis. Es gibt dafür unterschiedliche Gründe.

- Aber denken Sie, dass das heute nötig ist?

- Wenn es wirklich machbar ist, dann ist das selbstverständlich eine gute Tat! Und nicht nur im Gebiet Amerikas, sondern auch in anderen Ländern. Nur muss das alles nach den verfügbaren Möglichkeiten realisiert werden, man darf nicht auf sich nehmen, was nicht ausführbar ist.

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- Lieber Vladyka, können Sie die Frage der Möglichkeit von Besuchsreisen eines orthodoxen Priesters nach Montana in Betracht ziehen, wo Dutzende unserer Kinder leben. Sie bekommen dort eine Ausbildung, aber sie würden sehr froh sein, mit orthodoxen und kulturellen Traditionen ihres Heimatlandes vertraut zu werden… Wäre es möglich, im Sommer eine kleine Missionsgruppe dorthin zu schicken, mit Menschen, die Kenntnisse haben in Geschichte, Literatur, Grundlagen der orthodoxen Lehre?

- Diese Möglichkeit sollte besprochen werden. Bei uns in der Eparchie gibt es eine Abteilung für freiwillige Mission. Zum Beispiel gehen wir jetzt nach Haiti, um zu helfen, eine Schule und eine Kapelle aufzubauen. Eine solche Gruppe könnte auch nach Montana fahren. Wir müssen herausfinden, welche Diözese territorial in der Nähe dieses Ortes liegt.

- Wenn wir sprechen über die Vollversammlung der Bischöfe Nordamerikas, möchte ich Sie bitten, die Pläne darzulegen, für eine in der Zukunft mögliche Vereinigung der multinationalen Orthodoxen Kirchen Amerikas unter einer gemeinsamen Verwaltungsstruktur – sozusagen zu der Einen Orthodoxen Kirche Nordamerikas.

In einem Interview zu diesem Thema haben Sie angemerkt, dass “dafür alle geistig bereit sein müssen, und heute ist das aus historischen Gründen nicht einfach, und die neuen Emigranten suchen Trost in der Kirche innerhalb der ihnen bekannten nationalen und kulturellen Traditionen…“ Sie sagen: “Das ist überhaupt nicht schlecht, aber solange die Sehnsucht nach Trost in der nationalen Kirche noch stark ist, ist die Vereinigung in einer amerikanischen orthodoxen Kirch nicht möglich…” Erklären Sie bitte den Laien, warum eine solche Vereinigung in Erwägung gezogen wird, und worin könnte der hauptsächliche Nutzen bei der Umsetzung dieses Ziels bestehen, und welche Missionsarbeit wird es dann geben, werden die schönen Besonderheiten der russischen Orthodoxie darin noch bleiben?

- Ja, es gibt den Wunsch bei einigen, sich in Richtung Vereinigung zu bewegen, besonders bei der griechischen Eparchie, mit dem Ziel der Gründung einer autonomen Kirche unter dem Ökumenischen Griechischen Patriarchat. Aber nicht alle Jurisdiktionen sind einverstanden.

Prinzip der Arbeit dieser Zusammenkünfte, der Entscheidungsfindung ist der Konsens: Wenn alle übereinstimmen, dann wird die Entscheidung angenommen, wenn aber irgendjemand Einwendungen erhebt, dann kommt diese Entscheidung nicht durch. Auf den letzten beiden Zusammenkünften erörterte die Versammlung die Frage des Zusammenschlusses. Einspruch erhoben die bulgarische Jurisdiktion, unsere Russische Kirche des Moskauer Patriarchats und sogar einige serbische Bischöfe.

Wir sprachen darüber, dass wir nicht unsere Beziehung zur Mutterkirche abbrechen wollen, zum eigenen Patriarchat zu diesem Zeitpunkt. Wir sind verpflichtet, unseren Menschen zu helfen, wie das uns anvertraut wurde: Eine solcher Zusammenschluss und ein Bruch mit unserer Mutterkirche und mit anderen Patriarchaten würde von der Herde der Gemeinden nicht begrüßt werden.

Natürlich ist es in der Theorie notwendig, wenn wir uns in einem Land befinden, in Richtung der Einheit zu arbeiten, und in vielerlei Hinsicht haben wir diese Einheit in unserem orthodoxen Glauben. Aber um uns administrativ unterzuordnen, d.h. eine Administration zu haben und dabei russische oder serbische Erzbischöfe fortfahren werden, ihre Gemeinden zu betreuen, davon sind wir noch ziemlich weit entfernt…

Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel feiern die einen die kirchlichen Feste nach neuem Stil, andere nach altem. Noch ein Beispiel: Wer hat als erster die Orthodoxie nach Amerika gebracht? Die russischen Missionare. Wer begründete hier zuallererst die Orthodoxie? Die russische Kirche. Deshalb schauen wir auf die Russische Kirche, die russischen Missionare und die russischen Heiligen, von denen schon ziemlich viele auf amerikanischer Erde verherrlicht wurden, als einer Grundlage für eine künftige selbstständige Orthodoxe Kirche in Amerika.

In der griechischen Kirche zum Beispiel gibt es bisher noch keinen einzigen griechischen Heiligen, der in Amerika verherrlicht wurde. Es ist notwendig, in dieser wichtigen Frage der Vereinigung geistig reif zu sein.

- Nun, was würde diese gemeinsame Verwaltung uns bringen?

- Die gemeinsame Verwaltung würde uns größere Möglichkeiten geben. Zum Beispiel sind einige Jurisdiktionen reicher und können gute Schulen, Krankenhäuser unterhalten. Es wäre auch möglich, gemeinsam zu organisieren, was zu tun ist.

- Ich frage konkret. Nehmen wir also an, es gibt die administrative Gemeinsamkeit… Sagen wir, dass bei den Griechen alle Klöster immer blühen, dass sogar alles irgendwie übermäßig glänzt, wie in einer Apotheke, so würde ich doch manchmal wollen, dass es eine mehr häusliche Atmosphäre gäbe… Und wir haben einen Mangel an Menschen, vor allem in den Frauenklöstern. Würden Sie denn bei uns griechische Mönchinnen zulassen?

-… Dann würde unser Kloster aufhören russisch zu sein.

- Das heißt: Der Austausch von “Kadern” wird nicht stattfinden?

- In erster Linie ist notwendig, “Kader” in der russischen Kirche zu suchen.

- Und wenn, zum Beispiel, griechische Nonnen um Erlaubnis bitten und sagen, also, wir haben jetzt eine gemeinsame Administration, und uns gefällt es so sehr bei euch, sagen wir, in Nowo-Diwejewo, und dürfen wir zu euch kommen? Würden Sie ihnen das erlauben?

- Ja, aber nur unter der Bedingung, dass sie nach unserer russischen Mönchsvorschrift Klosterdienst tun. Wie es heißt: In ein fremdes Kloster darf man nicht mit eigener Gottesdienstregel gehen.

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- Wenn wir über die Zukunft der orthodoxen Missionsarbeit sprechen, kommen wir nicht umhin, über die Zukunft der Orthodoxie selbst zu sprechen. Und hier möchte ich das Thema des Achten Ökumenischen Konzils, welches im Jahr 2016 geplant ist, berühren. Die Presse über die Vorbereitungen fällt zu meiner Verwunderung sogar negativ aus, denn es heißt, ich zitiere: dass das Konzil “auf apokalyptische Weise untergräbt oder plant zu unterminieren und in Misskredit zu bringen die Pfeiler der Orthodoxie”…

Sie sagten in einem Interview der “Tribüne russischen Denkens” im Jahr 2009, ich zitiere: “Ich halte es nicht für notwendig. Immer wurden Ökumenische Konzilien einberufen zum Schutz der Kirche vor diversen Irrlehren (Häresien)… In der vorliegenden Angelegenheit dürfte es keinerlei politischen Grund geben für die Einberufung eines solchen Konzils”.

Seit dieser Zeit hat sich die Welt sehr verändert! Und leider dringt überall die große Politik ein… Ich las viele solcher Debatten zu diesem Thema und möchte Sie bitten, Ihre Meinung darüber mitzuteilen. Wenn eine Veränderung in der Orthodoxie bevorsteht, dann ist es wichtig zu wissen, so wie wir auch verstehen möchten, wie die Orthodoxie nach dem Jahr 2016 dastehen wird, in welche Orthodoxe Kirche der künftige Missionar neue Menschen einladen soll? Plötzlich wird vieles hastig geändert werden, wie zahlreiche Artikel im Internet warnen. Es gab den Präzedenzfall des Panorthodoxen Kongresses im Jahr 1923, wo verschiedene Reformen beschlossen wurden; und obwohl viele dieser Innovationen bald zurückgenommen wurden, haben doch einige die Befürchtung – wird sich die Geschichte nicht wiederholen?

Die Kritiker des Konzils sind beunruhigt über die zur Beratung vorgeschlagenen Themen: Oekumenismus, Autonomie, traditionelles orthodoxes Fasten, – wofür, schreiben sie, kommen diese Themen auf die Tagesordnung, wenn nicht irgendwelche Änderungen geplant sind?.. Man möchte verstehen, wie die orthodoxe Welt in den kommenden Jahren aussehen wird?

Ebenso gibt es im Zehn-Punkte-Programm des künftigen Konzils nicht das Wort: “Missionsarbeit”, und das ist so lebenswichtig für die Existenz der modernen Orthodoxie. Bei dem letzten, zehnten Punkt steht die Formulierung: “Der Beitrag der Orthodoxie zur Stärkung der christlichen Ideale, zum Frieden, zur Brüderlichkeit und Freiheit!” Ein wenig, verzeihen Sie, erinnert das an einen Sowjet-Slogan. Bei all diesen Begriffen ist es für einen einfachen Laien nicht leicht, den wahren Sinn der vor sich gehenden Veränderungen zu verstehen. Soll sich denn ein Laienmissionar auskennen bei den komplexen Problemen der modernen Orthodoxie?

- Ich antworte auf Ihre Fragen der Reihe nach. Zunächst zum Kongress im Jahr 1923: Er machte viele Fehler, und die Russische Kirche hat sie nicht übernommen. Jetzt zum Konzil: Dass es Achtes Ökumenisches Konzil genannt wird, ist ein Irrtum und eine Übertreibung. Wahrheitsgemäßer wäre die Benennung “Heiliger Orthodoxer Synod”. Es verfährt nach dem gleichen Prinzip wie unsere Vollversammlung – das ist der Konsens. Nichts kann verabschiedet werden ohne Übereinstimmung aller.

Die Russische Orthodoxe Kirche ist sehr konservativ gestimmt, sie erlaubt keinerlei Neuerungen. An der Ausarbeitung der Tagesordnungspunkte nahmen alle Orthodoxen Kirchen teil. Der Glaube wird nicht gewechselt. Und die Russische Kirche wird niemals zulassen, dass irgendwelche Neuerungen theologischen Charakters in Erscheinung treten. Selbstverständlich können verschiedene Fragen aufgeworfen werden, zum Beispiel, über die Ordnung der Kommemoration, darüber, wer die Autokephalie verleihen darf in verschiedenen Fällen, ob für die Priesterschaft die Möglichkeit der Wiederverheiratung zugelassen wird, und weitere Fragen.

Aber wichtig ist, daran zu erinnern, dass dies kein Ökumenisches Konzil ist. Das Ökumenische Konzil kann wirklich nur anerkannt werden vom nachfolgenden Konzil. Zum Beispiel, das letzte Konzil, welches als Ökumenisches gilt (und so nennen die Griechen es manchmal – das Achte), fand im 9. Jahrhundert statt, das war eine gute und wichtige Vollversammlung.

Auf solche Weise kann man erklären, dass Achtes Konzil jenes genannt wird, welches im 9. Jahrhundert abgehalten wurde. Wenn jedoch eine neue Versammlung im Jahr 2016 irgendwann Neuntes Konzil genannt wird, dann kann es so schon nur benennen ein weiteres Konzil, in der fernen Zukunft… Metropolit Hilarion von Wolokolamsk zum Beispiel unterstreicht auch in seinem Interview, dass das bevorstehende Konzil nicht als Achtes Ökumenisches gilt.

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- Wenn wir über die Zukunft der Orthodoxen Kirche sprechen, möchte ich an die Worte von Vladyka Lawr erinnern, welche er zu mir sprach während eines Interviews vor 10 Jahren: „Wir müssen lernen, uns selbst zu schätzen, dann werden uns auch andere schätzen, und wir werden selbst gerettet und können die anderen retten“ – diese Worte sind heute sehr aktuell, in vielen Aspekten.

Als ich mich mit der Presse über die Orthodoxe Kirche in den letzten Monaten vertraut machte, las ich einen Briefwechsel des Patriarchen Kyrill und des Kiewer Patriarchen Filaret über die Vorgänge in der Ost-Ukraine, wo beide sich an den Ökumenischen Patriarchen wandten mit der Bitte um Hilfe. Der Kiewer Patriarch, der nicht einverstanden war mit den Fakten, welche im Brief des Moskauer Patriarchen angeführt wurden, der Exzesse gegen die Kirchen und gegen die Priesterschaft im Osten der Ukraine, beschimpft den Moskauer Patriarchen Kyrill, ich zitiere: „Patriarch Kyrill lügt“, „Offenbare und zynische Lüge“, „Frucht seiner Fälschung“, und „Heuchlerische Position beispielloser Lüge“ – und das alles steht in nur einem Brief an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus.

Die Tatsache der Verwendung eines solchen „Wortschatzes“ an die Adresse des Patriarchen von ganz Russland veranlasst mich zu überlegen: Welcher Eindruck könnte entstehen bei Andersgläubigen oder Atheisten, wenn im Internet die beleidigenden Worte zitiert würden, welche von dem einem Orthodoxen Patriarchen an die Adresse eines anderen geschrieben würden? Wie soll man die Fackel orthodoxer Missionsarbeit in eine finstere Welt tragen unter Bedingungen solch unverhohlener öffentlicher Polemik?

- Der sogenannte Patriarch Filaret ist überhaupt kein Patriarch. Seinerzeit wurde er des Amtes enthoben. Irgendjemand mag ihn Patriarch nennen, aber weder wir, noch eine andere Orthodoxe Kirche haben ihn als kanonischen Patriarchen anerkannt. Das gefällt ihm natürlich nicht, und er äußert sich schlecht über andere und beleidigt unseren Patriarchen. Wir sollten dieser Feindseligkeit keine Aufmerksamkeit schenken. Dieser Mensch hat keine Achtung vor dem Rang, er versucht auf jede Weise das kirchliche Gewand zu zerreißen. Das Beste ist, darauf keine Aufmerksamkeit zu wenden.

- Überall in der Welt, und bedauerlicherweise darunter auch in Russland, trotz der Rückkehr des Glaubens und der Wiederherstellung der Kirche in unserem Heimatland, wird ein riesiger Teil der Menschen süchtig nach sogenannten “okkulten Dienstleistungen”. Es gibt einen Massenkult der Wahrsager, Heiler, Hellseher und Zauberer. Alleine an falschen “Gottesmüttern” gibt es im Russland 500 Stück, nicht zu zählen “die Propheten”, die neu erschienenen “Starzen”, die, noch am Leben, sich selbst auf Bestellung als Ikonen malen lassen, und sonstige Scharlatane, die für viel Geld das russische Volk trösten.

Schon seit einem Jahr gibt es im ersten staatlichen Fernsehkanal an Sonntagen zur Tageszeit ein Programm über weiße und schwarze Magie! Welche besondere Missionsarbeit muss sich die Orthodoxe Kirche vornehmen, damit die Prinzipien der Orthodoxie in die russische Familie zurückkehren? Vor vielen Jahren zeigten mir in Sibirien bei Dreharbeiten Priester der Eparchie von Nowosibirsk einen Zug, mit welchem sie auf Missionsreise fuhren zu entlegenen Siedlungen, und klärten jene auf, die von verschiedenen Sekten betört wurden, führten Massentaufen von Kindern und Erwachsenen durch in einer speziell im Eisenbahnwaggon eingerichteten Kapelle. Brauchen wir eine separate aufklärerische Missionsarbeit für jene, die möglicherweise jeden Tag an einer Kirche vorbei gehen, aber lieber zur finsteren Wahrsagerin eilen, als Hilfe beim Herrgott erbitten?

- Natürlich ist es sehr traurig und schlimm, dass die Beliebtheit der dunklen Geister derart wächst, und dass Reklame gemacht wird für Astrologie, Hellseherei und Zauberei. Im Alten Testament gibt es noch das Verbot von Gott dem Herrn, sich an Hexen und Zauberer zu wenden. Merkwürdig ist, dass das russische Fernsehen auf seinen Kanälen okkulte Aktivitäten erlaubt, welche von der Kirche verurteilt werden. Die Kirche hat keine Kontrolle darüber, was die zivilen Institutionen treiben. Leider ruft dieses Thema Interesse bei den Leuten hervor, und ihnen wird das gezeigt, was die Nachfrage befriedigt.

Der Missions-Reisezug, das ist eine schöne Idee, aber schwierig und teuer zu realisieren. Es ist wichtig für jeden Christen, selbst die Situation zu verstehen und derartigen TV-Verführungen nicht nachzugeben. Es wird genügend Literatur zu diesem Thema veröffentlicht, hier und in Russland, damit die Leute in keinem Fall Verbindung aufnehmen zum Okkultismus, weil das heißt Verbindung zu finsteren Kräften, zu bösen Geistern.

- Denken Sie, dass in Russland die Einführung des Lehrfaches „Grundlagen der Orthodoxie“ in die Bildungseinrichtungen die Situation verbessern könnte?

- Ich denke, dass dieser Prozess dort Schritt für Schritt vorankommt, und das ist sehr wichtig. Aber ich lebe nicht in Russland und bin sachlich nicht auf dem laufenden.

- Hier, im Ausland, bringen viele ihre Kinder in die kirchlichen Gemeindeschulen. Von einigen Müttern hörte ich, dass ihre persönliche Verkirchlichung damit begann, dass sie ihre Kleinen in die russische Schule brachten. Anfangs einfach nur zur Unterstützung der russischen Sprache, aber später fingen sie an, in die Kirche zum Gottesdienst zu gehen. Was empfehlen Sie den Eltern russischer Kinder in Amerika?

- Ich denke, dass man oft durch die russische Schule Kinder und Eltern für die Kirche interessieren kann, die keine geistliche Erziehung hatten. Es muss ein Herangehen gefunden werden, damit Lehrer und Priester, die das Gesetz Gottes kennen, neue Menschen in die orthodoxe Ausbildung einbeziehen, diesen Prozess interessant und anregend gestalten, ihnen Literatur aufzeigen, Erklärungen geben. Solch angenehmer und interessanter Umgang kann dann unkundige Eltern und Kinder anziehen.

Das Gespräch führte die Film-Dokumentaristin Maria Reschetnikowa, mit Dank für Hilfe und Unterstützung bei der Druckversion des Textes an die Redakteurin Matuschka Elisabeth Temidis. Die ursprüngliche Veröffentlichung des Interviews als Kurzfassung erschien in der Zeitschrift “Geistiger Frühling”.

Maria Reschetnikowa / 16. Januar 2015

Russische Quelle: http://www.pravmir.ru/pravoslavnoe-missionerstvo-vchera-segodnya-zavtra/#ixzz3P1446wqi

Übersetzung aus dem Russischen: put

 

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