Über westliche geistige Krankheiten und die Orthodoxie im Westen

Der Metropolit von Ost-Amerika und New York, Ilarion, Ersthierarch der Russischen Auslandskirche

Über westliche geistige Krankheiten

und die Orthodoxie im Westen

Der Metropolit von Ost-Amerika und New York, Ilarion (Kapral)

Der Metropolit von Ost-Amerika und New York, Ilarion, Ersthierarch der Russischen Auslandskirche spricht im folgenden Interview darüber, was die Orthodoxen im Westen aufwühlt, welche geistigen Krankheiten schon bis zur Grenze des Orthodoxen Russlands vordringen, was im Ausland das Mönchstum darstellt, wodurch das Los des Priesters im Westen beneidenswert und schwierig ist.

- Eure Eminenz! Welche geistigen Probleme der modernen westlichen Welt könnten in nächster Zukunft auch für die Russen aktuell werden?

- Im Verlauf der ganzen Weltgeschichte konnten die Orthodoxen nicht unaufgewühlt bleiben bei Fragen der Moral, der Ethik, des Lebensstils, welche die Gesellschaft den Zeitgenossen vorlegte, und ebenso den Christen. In unserer Zeit stehen vor uns auch schon solche Fragen, welche früher keine einzige Gesellschaft kannte, oder für sie nahmen solche Probleme nicht einen derartigen Umfang an wie heute.

Vor allem betreffen diese Fragen Ehe und Familie, das Sexualverhalten, Probleme der Gesundheit und medizinischen Hilfeleistung (oder deren Unterlassung). Im Westen sind sie in den letzten 20 bis 30 Jahren besonders relevant, wenn nicht sozusagen himmelschreiend geworden.

Das, was jetzt in den Ländern des Westens beobachtet wird, kann bald auch im orthodoxen Russland und in anderen orthodoxen Ländern in Erscheinung treten. Wenn wir diese Phänomene mit einem Wort beschreiben wollen, dann ist es die Verweltlichung, der Versuch der Säkularisierung der Gesellschaft, die Zerstörung des Einflusses der Kirche auf das Volk. Besonderes Bedauern empfinden wir, wenn wir sehen, wie das bei der ihnen anvertrauten Mission in den USA die Vertreter der Kirchen selbst vergessen, wie es um sich greift in den protestantischen Gemeinden, die den Weg klarer Verweltlichung und faktischen Kopierens der modernen Gesellschaft beschreiten, insbesondere in der Frage des Bruchs (und der Perversion) der Geschlechterrollen der Familie, was antichristlichen Kräften in die Hände spielt.

 

Die Statistiken liefern erschütternde Resultate:

ein Viertel der geschlossenen Ehen

im Staate New York

besteht aus

gleichgeschlechtlichen Paaren!

Befassen wir uns mit der Frage, die am meisten Staub aufwirbelt, mit gleichgeschlechtlichen “Ehen”, deren Rechtmäßigkeit in Amerika Staat für Staat anerkennt. Nach der Gesetzgebung der USA untersteht das Familienrecht der Rechtsprechung der Einzelstaaten, weshalb die Frage der Legalisierung oder Nicht-Legalisierung der gleichgeschlechtlichen “Ehen” von den Regierungen der Bundesstaaten entschieden wird. Nach dem Stand von Januar 2014 wurden gleichgeschlechtliche Ehen in 21 von 50 US-Staaten legalisiert, einschließlich der Hauptstadt des Landes, des Bundesdistrikts Columbia, und der allergrößten Bundesstaaten: New York und Kalifornien. Vor allem die Statistiken liefern erschütternde Resultate: Ein Viertel der geschlossenen Ehen im Staate New York besteht aus gleichgeschlechtlichen Paaren! Ungefähr zwei Millionen Kinder in den USA werden in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften großgezogen.

Nach Angaben des Büros der Volkszählung in den USA wuchs im Vergleich zum Jahr 2000 die Zahl der eingetragenen gleichgeschlechtlichen “Ehen” um 52 %, vor allem im Zentrum des Landes, was zusammenhängt mit der wachsenden Akzeptanz der Homosexualität durch die Gesellschaft. Es erschreckt, dass mehr als 50 % der Amerikaner die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen “Ehen” im ganzen Land unterstützen. Diese vorliegende Umfrage wurde von der Agentur “Associated Press” durchgeführt. Deshalb finde ich durchaus höchst zeitgemäß die Akzeptanz des Gesetzes in Russland über das Verbot der Propaganda des Homosexualismus.

 

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Eine weitere aktuelle Frage für uns, welche dem Plan Gottes zuwiderläuft, ist die Euthanasie. Heute wird in den USA auf gesetzlicher (!) Grundlage “qualifizierte Hilfe” für den Abbruch des Lebens angeboten, in den Staaten Oregon, Washington, Montana und Vermont. Was aufregt und alarmiert, ist Folgendes. Die Leute gehen in den meisten Fällen nicht in den Tod, weil sie den Schmerz nicht aushalten, sondern wegen psychischer Störungen. Wir stellen also fest, dass in den USA die Gesellschaft und die traditionellen Mainstream-Konfessionen des Protestantismus das seelische Leid des Menschen nicht zu lindern vermögen.

Noch ein weiteres Problem, welches in Russland breit erörtert wird, betrifft die Taufe von Säuglingen, die von Leihmüttern geboren sind. In den USA wurde die Leihmutterschaft im Jahr 1981 legalisiert und heutzutage wird sie erlaubt in acht Bundesstaaten, und wurde in gleicher Weise besonders populär bei Russen im Staat Florida, dessen Regierung die Leihmutterschaft in jeder Weise “fördert”. Der Prozess des Erwerbs von Kindern über Leihmütter wurde in Florida vereinfacht und maximal verbilligt, über das hinaus, wovon ganz offen im Gesetzestext des Bundesstaates die Rede ist.

So erfindet die moderne Gesellschaft neue Wege, welche die Menschen aus dem christlichen Leben herausführen, und vor allem das Heiligste für einen Christen anrühren: die Familie und das unmittelbar von Gott gewährte Leben.

- Die Geistlichen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland predigen schon fast hundert Jahre in der westlichen Welt. Gibt es trotzdem, nach ihrer Ansicht, irgendein Gegengift gegen diese krankhaften Erscheinungen in der Gesellschaft?

- Die Macht Gottes und die Gnade beschirmte stets und beschützt die Kirche und die Gläubigen, die sich unter ihrem Schutz befinden. Ich denke, das Wichtigste ist, unabhängig vom Wohnort, die christliche Erziehung des Kindes in der Familie. Die Verantwortung für die Erziehung und die Zukunft des Kindes liegt ursprünglich bei den Eltern (nicht bei der Schule und den Lehrern), und ihre Pflicht ist es, ihre Kinder im Geiste der Hingabe an Christus zu erziehen, Seine Gebote und die Kenntnis der kirchlichen Traditionen zu lehren. Große Bedeutung hat die Kommunikation der Kinder und der Jugendlichen in der Gemeinde und darüber hinaus. In den russischen Kirchen im Ausland gab und gibt es nicht nur Gemeindeschulen, sondern auch russische allgemeinbildende Schulen. Wir haben bei uns eine entwickelte Pfadfinderbewegung, die Sommerlager, es finden Jugendkongresse statt, alle drei Jahre versammeln sich in verschiedenen Ländern Jugendkongresse der gesamten Auslandskirche (dieses Jahr findet eine solche Versammlung in San Francisco statt).

Die christliche Familie,

untrennbar mit der Kirche verbunden,

ist die sicherste “Impfung”

zum Schutz

vor dem Geist dieser Welt.

Orthodoxe, wie es war zu Beginn der Emigration, gründen Gemeinden und scharen sich um die Kirche. Oft versuchen in der Gemeinde, während allgemeinkirchlicher Veranstaltungen, pilgernde gläubige Jugendliche für sich einen Lebenspartner zu finden und die folgende Generation schon in den Traditionen der Orthodoxen Kirche aufzuziehen. Natürlich ist es schwierig, der Assimilation der im Ausland heranwachsenden Generation zu widerstehen, aber die christliche Familie, untrennbar mit der Kirche verbunden, ist nach meiner Meinung die sicherste “Impfung” zum Schutz vor dem Geist dieser Welt. Übrigens gerade so bewahren in Amerika Einwanderer auch aus anderen orthodoxen Ländern – Griechenland, Serbien oder Länder des Nahen Ostens – ihre Traditionen und ihr kulturelles Erbe.

- Das heißt, Sie denken, dass man in einer westlichen Gesellschaft leben und seinen Glauben bewahren kann, ohne mit den antichristlichen Gedanken und Stimmungen in Kontakt zu kommen?

Unsere Gemeinden erbauen

auch unter schwierigen Bedingungen

heterodoxer

- und sogar feindseliger Umgebung –

orthodoxe Kirchen.

- Natürlich. Der orthodoxe Mensch kann auf einem beliebigen Punkt der Erdkugel leben, seinen Glauben bewahren und, falls gewünscht, geistige Nahrung finden. Sogar wenn er weit entfernt von den traditionellen Zentren der Orthodoxie lebt, z.B. in Pakistan, Indien, Indonesien, Nepal, und dann mit Hilfe des Internets über die Orthodoxie erfährt, findet er seine Glaubensgenossen, nimmt mit ihnen Verbindung auf, und hat sogar Unterricht online. Obgleich das natürlich komplizierter ist, als wenn der Mensch in einem geistigen Umfeld in seiner Nähe lebte. Unsere Gemeinden erbauen auch unter schwierigen Bedingungen heterodoxer – und sogar feindseliger Umgebung – orthodoxe Kirchen: in Pakistan zum Beispiel, wohin wir nicht nur unsere Priester entsenden, sondern sie auch weihen aus örtlichen Gläubigen.

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Ich erinnere mich an das Thema aus der “Apostelgeschichte”, wo davon gesprochen wird, wie dem Apostel Paulus in Troja in einer nächtlichen Vision ein Mensch aus Makedonien erschien, und ihn bat, mit ihm nach Makedonien zu kommen, um zu predigen. Daraus schloss der Apostel, dass Gottes Vorsehung selbst ihn ruft, dort zu verkündigen. Also, wir können bedenken, dass wir auch nach Jahrhunderten nicht allzu weit von den Aposteln entfernt sind, und nach Kräften die apostolische Mühe auf uns nehmen, das Wort Gottes zu verkünden, wie es auch unsere Priester tun, die durch den Ruf aufkeimender orthodoxer Gemeinden in entlegene Gebiete kommen, wo Menschen dank des Internets von der Orthodoxie erfahren haben.

- Vladyka, was hat sich im Leben der Russischen Auslandskirche nach 2007, dem Jahr der Unterzeichnung der Akte über die kanonische Gemeinschaft, verändert?

- Jetzt können wir mit voller Gewissheit sagen, dass wir, die vereinigte Russische Kirche, nicht nur auf dem Papier stehen. Aber die Russische Kirche im Ausland bewahrt nichtsdestoweniger ihr Gesicht, weist einige Besonderheiten des missionarischen Dienstes auf, was sich erklärt aus dem ethnischen und kulturellen Umfeld, in welchem unsere Gemeinden leben. Sie befindet sich fern von der historischen Heimat, bleibt aber Christus treu und der russischen kirchlichen Tradition. Nun schon fast hundert Jahre nährt sie geistig und betreut unsere Herde, repräsentiert fünf Wellen russischer Emigration.

Kürzlich wurde in den USA

ein russisch-amerikanisches

Musik-Institut

gegründet unter dem Namen des

heiligen Patriarchen Tychon.

Jahr für Jahr nehmen wir in den Schoß der Heiligen Russischen Orthodoxen Kirche sehr viele Ausländer auf, die die Orthodoxie über unsere Kirchen und Web-Seiten kennengelernt haben. Im Ausland lieben sie die russische Orthodoxie, den Ausländern – möge das nicht seltsam scheinen – geht unser kirchlicher Gesang und die Ikonographie nahe. Kürzlich wurde in den USA ein russisch-amerikanisches Musik-Institut gegründet unter dem Namen des heiligen Patriarchen Tychon, sowie ein gleichnamiger Chor, welcher geleitet wird von dem Regenten der Moskauer Dependenz (Podvorije) der Sergij-Dreieinigkeits-Lavra, Vladimir Gorbik. Der Maestro führt Fernkurse und Seminare für Sänger und Chorleiter durch, dabei nicht für Professionelle, sondern für alle, die es wünschen, und bei denen ein Minimum an Kenntnissen und Gehör für Musik vorhanden ist. Ziel des Studiums ist das Erlernen professionellen Kirchengesangs. Repräsentanten der Russischen Kirche im Ausland, der Amerikanischen und Antiochenischen Orthodoxen Kirchen, waren die Organisatoren des Instituts.

 

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Es gibt unter denen, die unseren Glauben zu schätzen wissen, solche, die sich Zeit lassen mit der Aufnahme in die Orthodoxie, oder die ihren Glauben behalten, aber ihr ganzes Leben in Russland verliebt bleiben.

In Australien war ich bekannt mit einem anglikanischen Priester Schweizer Herkunft – Vater John Keller. Er kannte die russische Geschichte, fuhr zum Begräbnis der Reliquien der Zarenfamilie, liebte sehr Sankt-Petersburg, dachte über die Möglichkeit des Übertritts in die Orthodoxie nach, aber eine Krankheit und sein baldiges Hinscheiden durchkreuzten seine Absicht.

Eine berühmte amerikanische Schriftstellerin, Historikerin, die inoffizielle Beraterin von Präsident Reagan war, ihn mit der russischen Geschichte und Kultur bekanntmachte, Susan Massy, und der Historiker Robert Massy schrieben einige Bücher über die Geschichte Russlands, darunter über russische Zaren: Peter I., Katharina die Große, “Nikolaj und Alexandra” – über das Leben der (letzten) russischen Zarenfamilie. Susan Massy trat in die Orthodoxie über und ist Mitglied der orthodoxen Gemeinde im Staat Maine. Eine Menge ähnlicher Beispiele bestätigt, dass dann, wenn der Mensch die Wahrheit sucht und den Geboten Christi folgt, keine Umgebung ein Hindernis für ihn sein wird.

- Vladyka, könnten Sie Besonderheiten benennen bei den Gemeinden im Ausland zur gegenwärtigen Zeit? Gibt es Fälle, dass Gemeinden geschlossen werden?

- Ich beginne mit der zweiten Frage. Wenn Gemeinden geschlossen werden, dann in kleinen Städtchen, aus ökonomischen und demographischen Gründen. Gibt es keine Arbeit, dann geht die Jugend in andere Staaten weg, es bleiben nur Alte – eine Situation, welche sowohl für Russland gilt, als auch für die Auslandskirche und für die Orthodoxe Kirche in Amerika. Jetzt, zum Beispiel, leidet Pennsylvania starke Not. Es geschieht, dass die Gemeinde an einen anderen Ort “übersiedelt”, wo es mehr Bevölkerung und Perspektive für die Entwicklung gibt.

Die höchste Aktivität sehen wir in den Gemeinden großer Städte verschiedener Länder – von Amerika bis Australien – mit großem Bevölkerungszufluss. In den USA sind das die Staaten New York und Florida. In Brooklyn, wo die größte russischsprachige Gemeinschaft wohnt, haben wir schon vier Gemeinden. Neue Gemeinden werden in Florida eröffnet: nicht immer besonders zahlreich, aber im Allgemeinen lässt das Gemeindeleben dort hoffen.

In Miami wurde die erste Gemeinde – des heiligen Vladimir – vor mehr als fünfzig Jahren gegründet. Ihr heutiger Vorsteher ist der Erzpriester Daniel MacKenzy, ein Amerikaner, der orthodox wurde. Noch eine weitere Gemeinde – geweiht auf den Namen der heiligen Matrona von Moskau – wurde in Miami vor zwei Jahren eröffnet. Eben erst pilgerte durch die Gemeinden in Florida die myronspendende Ikone der Gottesmutter “Erweichung böser Herzen”, und den Lichten Sonntag der Auferstehung Christi wird sie im Kloster der Allerheiligsten Dreiheit in Jordanville feiern.

Eine der Besonderheiten der letzten Jahre

besteht in der Eröffnung neuer Gemeinden

oder ihr Wechsel unter das Omophor

der spanischsprachigen Gemeinden

der ROCA.

Es gibt bei uns nicht wenige Gemeinden, deren Gottesdienst in englischer Sprache abgehalten wird. Eine der Besonderheiten der letzten Jahre besteht in der Eröffnung neuer Gemeinden oder ihr Wechsel unter das Omophor der spanischsprachigen Gemeinden der ROCA. Gerade vor kurzem hat sich eine spanischsprachige Gemeinde, geweiht den heiligen Aposteln, gleichfalls in der Stadt Miami, mit der Bitte um Aufnahme in die Russische Auslandskirche an uns gewandt. Mitglieder der Gemeinde sind ein paar hundert Familien lateinamerikanischer Herkunft. Die Gottesdienste werden dort in einer ehemaligen lutheranischen Kirche durchgeführt, welche eine der Familien vor vielen Jahren für die Gemeinde gekauft hat. Durch Mitglieder dieser Missionsgemeinde wurde eine allgemeinbildende orthodoxe Schule in der Coconut-Creak gegründet. In der Schule gibt es eine Kapelle auf den Namen des heiligen Erzbischof Luka (Vojno-Jassenezky). Dort dient und fungiert als geistlicher Erzieher in der Schule der Priester Dimitrij Romeo. Jetzt schicken wir dort noch einen Priester hin, einen Amerikaner, Erzpriester Peter Jackson. Der Batuschka (im Zivilberuf Rechtanwalt) und die Matuschka sprechen englisch und spanisch und haben große Erfahrung im Missionsdienst in Ländern Lateinamerikas. Insbesondere in Kolumbien übersetzte Vater Peter in die örtliche Sprache einen Teil des Neuen Testaments. Wir hoffen, dass die spanische Mission das Zentrum wird, von welchem es näher und leichter sein wird, unsere Gemeinden in der Karibik zu leiten: in Puerto-Rico, Haiti, Dominikanische Republik, Costa Rica und Nicaragua.

 

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- Worin sehen Sie die Hauptschwierigkeiten des kirchlichen Lebens im russischen Ausland?

- Vor allem fehlt es an Mitteln zum Bau neuer Kirchen. Neu gegründete Gemeinden mieten Geschäftsräume, welche sie als Kirche einrichten. Der Prozess, welcher in der Periode der ersten Emigrationswelle begann, setzt sich auch heute fort. Die ersten Emigranten betraten den amerikanischen Boden praktisch ohne Geld, aber sie hielten zusammen. Und für das Bauen waren damals die Bedingungen besser, der Boden billiger, und die Gemeindemitglieder bauten Kirchen in der Regel aus eigener Kraft und mit Hilfe von Wohltätern. Unter den Emigranten gab es Bauleute, Architekten, Installateure, Ikonenmaler, die es für eine Ehre hielten, für wenig Geld am Bau einer orthodoxen Kirche mitzuwirken.

Heute leiden wir bereits unter Schwächen des persönlichen Charakters. Wegen des hiesigen Mangels an ausgebildeter Geistlichkeit sind wir genötigt, die aus Russland und Ländern der ehemaligen GUS ankommende Priesterschaft aufzunehmen. Das ist einerseits nicht schlecht, denn wir haben die Möglichkeit, einen guten Priester zu bekommen. Aber nicht immer ist möglich, einen neuen Priester gut kennenzulernen. Und auch für die Priester ist es nicht selten schwer, sich in die vorhandene Realität einzuleben. Einige zum Beispiel möchten einfach nicht die Landessprache in ihrem neuen Dienst erlernen. Ich sage ehrlich, nicht alle Ankömmlinge können das Leben eines Priester im Ausland führen. Der Mangel an Mitteln zwingt unsere Geistlichkeit und die Matuschkas weltliche Arbeit anzunehmen, und manchmal nicht nur eine. In der Auslandskirche arbeiten mehr als die Hälfte der Priester. Nicht selten fließt der Reallohn nicht nur in den Unterhalt der Familie, die Kosten der Ausbildung der Kinder, sondern auch in den Kirchenausbau. Doch ungeachtet aller Schwierigkeiten leben die Gemeinden ein erfülltes Leben, und das freut mich, ohne Zweifel.

- Wie würden Sie die Rolle der Klöster und des Mönchtums im Leben der Russischen Auslandskirche einschätzen?

- In der Russischen Orthodoxen Kirche gab es immer Klöster. Die Auslandskirche selbst wuchs heran auf dem nordamerikanischen Kontinent und erstarkte unter dem Schutz der Gebete des Klosters der Heiligsten Dreiheit in Jordanville, bei welchem ein Priesterseminar, ein Verlag und eine Druckerei gegründet wurden. Die Klosterbruderschaft aus Ladomirovo (Slowakei) kam nach dem zweiten Weltkrieg nach Amerika und schloss sich den Gründervätern des Klosters der Heiligsten Dreiheit an. Zu dieser Bruderschaft aus Ladomirovo gehörte auch der damals noch junge, ewig denkwürdige Metropolit Laurus.

 

6 Über westliche geistige Krankheiten  und die Orthodoxie im Westen

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In unserer Zeit kommt es oft vor, dass Amerikaner, die die Orthodoxie annehmen, schließlich einen Drang zum klösterlichen Leben fühlen, Land kaufen, Klöster und Einsiedeleien bauen, und ein paar klösterliche Gemeinschaften bilden. So entstand, und wurde jetzt fertiggestellt, das in den Bergen des Staates Virginia gelegene Kreuzerhöhungs-Kloster. Jetzt ist es das am stärksten und schnellsten wachsende Männerkloster der Russischen Auslandskirche in den USA. Das Kloster ist englischsprachig, alle Mönchen und Novizen sind frisch konvertierte Amerikaner, es gibt sogar einen Japaner, aber der Geist des Klosters ist russisch. Zum Gottesdienst singen die Brüder typische griechische Gesänge. Im Kloster gibt es eine Produktionsstätte, eine Farm, und es wird gebaut. Zur Vollendung kommt das Projekt “Die Zelle” – die Errichtung einer modernen Bruderschafts-Anlage mit 20 Mönchszellen.

Die Menschen im Westen

lieben russische orthodoxe Klöster,

reisen dorthin,

um eine Beichte abzulegen.

Unter dem Omophor der Russischen Auslandskirche existieren Männer- und Frauenklöster, in Deutschland, Australien und in den USA. Und ich sage ihnen, die Menschen im Westen lieben russische orthodoxe Klöster, reisen dorthin, um eine Beichte abzulegen. Das Kreuzerhöhungskloster ist ein beliebtes Pilgerziel für die Gläubigen der Antiochenischen Kirche, die in der Nähe leben.

Jedes Jahr zur Großen Fastenzeit führen wir in den Klöstern der Heiligen Dreiheit und der Kreuzerhöhung die „Gowenije“ (Vorbereitung der Beichte zur Eucharistie) für die Geistlichkeit mit Ehepartnerinnen durch. Sie würden dort sehen, welche geistliche Freude unsere Batuschkas empfinden, wenn sie sich versammeln zum gemeinsamen Gottesdienst, wie froh sie sind, ihre Mitbrüder aus verschiedenen Staaten zu treffen, einander die Beichte abzulegen, “die Federn zu reinigen”, wie einer der Teilnehmer sagte.

- Und wann, Vladyka, begann ihre Bekanntschaft mit dem Klerus und den Klöstern in ihrer historischen Heimat?

- Das war noch zu jener Zeit, als ich, noch Mönch in Jordanville und später Bischof in New York, an der Herausgabe und Verbreitung geistlicher Literatur in der UDSSR teilnahm. Aber meine persönliche nähere Bekanntschaft mit dem kirchlichen Leben in Russland und der Ukraine, mit russischen und ukrainischen Geistlichen und Heiligtümern, wurde erst seit 1990 möglich, als ich erstmals die Heimat meiner Vorfahren besuchte. Schon damals begann man, den Boden der Wiedervereinigung der Russischen Kirche vorzubereiten. Als wir unsere historische Heimat besuchten, konnten wir besser die Bedingungen verstehen, unter denen die Kirche in Russland in den Jahren der Verfolgung überlebte. Für die Menschen im Westen war das schwer zu verstehen, und in Russland verstanden sie nicht unsere Lage, jene Bedingungen, unter denen wir lebten. Im Jahr 1990 verbrachte ich einen ganzen Monat als Pilger in Klöstern: ich war im Höhlenkloster von Pskow, in der Hl.-Dreiheits-Sergej-Lavra, im Jahr 1992 kam ich zuerst nach Optina-Pustyn, betete in Diwejewo.

Schon in jenen Jahren erfuhren wir von der Dependenz (Podvorije) des Pskower Höhlenklosters in Moskau, welche damals der gegenwärtige Vorsteher des Sretenskij-Kloster, Archimandrit Tichon, leitete, und später verfolgten wir die Neuerscheinungen des klösterlichen Buchverlages.

In unseren Gemeinden in Europa, Amerika, Kanada, Australien wurde das Sretenskij-Kloster bekannt dank seines Chors, und erst später lernten die Orthodoxen auch das Kloster selbst kennen. Ich erinnere mich, wie wir im Oktober / November des Jahres 2008, zur Zeit Russischer Tage in Lateinamerika, zusammen mit dem Sretenskij-Chor eine ganze Reihe lateinamerikanischer Länder bereisten, von Costa-Rica bis Paraquay. Letztes Jahr kam Vr. Tichon mit dem Chor anlässlich der Präsentation des Buches “Unheilige Heilige” (Njeswjatie Swjatie) nach Amerika. Vr. Tichon machte auf uns immer den Eindruck eines klugen, energischen Führers und geistlichen Vaters, eines liebenswerten Hirten, eines Menschen mit feinem Gefühl für

das Schöne, der in der Lage ist, Interesse zu wecken und talentierte, gebildete Mitarbeiter für die gemeinsame Arbeit heranzuziehen.

7 Über westliche geistige Krankheiten  und die Orthodoxie im Westen

Kirche der Neumärtyrer und Bekenner Russlands auf dem Blut, an der Lubjanka.

Wenn ich nach Moskau komme,

bemühe ich mich immer,

zum Gebet am Sretenskij-Kloster

vorbeizukommen

und die heiligen Reliquien des

Hieromärtyrers Ilarion (Troitskij)

zu verehren.

Wenn ich nach Moskau komme, bemühe ich mich immer, zum Gebet am Sretenskij-Kloster vorbeizukommen und die heiligen Reliquien des Hieromärtyrers Ilarion (Troitskij) zu verehren. Im Februar dieses Jahres hatte ich die Möglichkeit das wiedererrichtete, wunderschön restaurierte Gebäude zu sehen, welches dem Kloster übergeben wurde, wo das Sretenskij-Priesterseminar eingerichtet wird.

Wir warten auch darauf, wie der Bau der Kirche der russischen Neumärtyrer im Zentrum Moskaus vorankommt, zum lebendigen Zeugnis und Gedenken ihrer Kämpfe und Leiden. Wir verstehen, dass die Errichtung einer solchen Kirche mit Schwierigkeiten, Problemen verknüpft ist, aber wir sind überzeugt, dass der Bau allmählich in Gang kommt, und die Kirche sich erheben wird auf den Flügeln der Gebete unserer Neumärtyrer und Bekenner, aufrecht stehen wird wie eine Kerze, sichtbar für alle Welt, wie Butovo und Solovki.

- Vladyka, welchen Geistlichen, die man geistliche Väter nennen kann, sind Sie noch begegnet?

- Dem S’chi-Archimandriten Makarij (Bolotov), Nachfahre solch bekannter Persönlichkeiten der orthodoxen Welt wie des Bischofs Ioasaph (Bolotov) von Kodiak, verherrlicht im Range der Heiligen der amerikanischen Metropolie; des Professors der Geistlichen Akademie St. Petersburg, des Kirchenhistorikers Vassilij Bolotov; der Gründerin des Shamordinskij-Klosters, der S’chi-Mönchin Sofia. Wir trafen uns, als Vater Makarij nach Amerika kam, ich war damals Bischof von Manhattan.

Vr. Makarij blieb in enger Gebetsgemeinschaft mit den Starzen, deren geistige Wurzeln aus der Optina Pustyn erwuchsen. Er kannte die Süße des Mönchtums, wirkte in Počaev, in der Glinskaja-Pustyn, erfuhr aber auch die Leiden und die unmenschliche Marter in den Folterkammern des KGB. Er verehrte sehr den heiligen Erzbischof Johannes von Shanghai und San-Franzisco und war der einzige Geistliche des Moskauer Patriarchats, der an der Verherrlichung des Heiligen in San-Franzisco teilnahm. Ich hörte, dass, als Vr. Makarij auf einem Sessel im Altar der Kirche döste – und das war der Lieblingssessel des Heiligen – der heilige Johannes ihm selbst erschien und ihn segnete.

 

81 Über westliche geistige Krankheiten  und die Orthodoxie im Westen

Der Metropolit von Ost-Amerika und New York, Ilarion, Ersthierarch der Russischen Auslandskirche

 

- Wie wichtig ist für unsere geistliche Stärkung in dieser schwierigen Zeit das Vorhandensein solcher Beter – in Russland und im Ausland?

- Diese Menschen kämpfen auf geistige Weise, und Gott schenkt ihnen verschiedene Gaben: Gebete, geistliche Führung, um das Volk in Schwierigkeiten zu unterstützen. Sogar Sehergabe, wenn ihnen auch die menschliche Seele offenbart wird. Aber das ist nicht ihre persönliche Gabe. Gott selbst führt durch solche Menschen die Gläubigen zur Rettung. Jetzt erlebt Russland eine schwere Zeit, und, wie der heilige Ignatij (Brjantschaninov) sagte, Gott schickt zur nötigen Zeit solche Menschen, die den Dienst der Prophetie erfüllen.

Im Juli ist es zwanzig Jahre her seit der Zeit der Kanonisation des heiligen Ioann von Shanghai. Wie viele Menschen haben den heiligen Ioann im Gebet um Hilfe angefleht! Aber noch leben die Menschen – und nicht wenige auf allen Kontinenten – die den Heiligen persönlich kannten, die ihm gedient, ihn in ihren Häusern empfangen, in den von ihm gegründeten Kinderheimen gelebt, und zusammen mit ihm Gemeinden gegründet haben. Für diese ist das nicht Geschichte, sondern Gegenwart.

Die Lebensbedingungensind bei uns solche,

dass es unmöglich ist, aus bloßer Eitelkeit zu dienen.

Und sich im Ausland auf Lorbeeren auszuruhen,

funktioniert auch nicht.

Im russischen Ausland haben wir heutzutage Hirten – aufopferungsbereite Diener, (harte) Arbeiter, welche durch ihre Gebete und Mühen über viele Jahrzehnte unser kirchliches Leben unterstützen. Aber ich habe nicht gehört, dass irgendwer aus der Auslandskirche sich Starze genannt hätte, oder irgendein Priester von den Gemeindemitgliedern so genannt worden wäre. Vielleicht gibt es bei uns keine herausragenden Starzen, aber alle Hirten lieben die Arbeit, und wenn irgendwer ein Gebetsleben führt, dann nicht um einer Schau willen. Die Lebensbedingungen sind bei uns solche, dass es unmöglich ist, aus (bloßer) Eitelkeit zu dienen oder irgendwelche eigenen, persönlichen Ziele zu erreichen. Und sich im Ausland auf Lorbeeren auszuruhen, funktioniert auch nicht. Und die Tatsache, dass wir ein geistliches Leben führen, ist in unseren Diözesen, in unseren wachsenden Gemeinden, in unserer Missionstätigkeit und Jugendarbeit offensichtlich. Und ich selbst, als Haupt der Kirche, verehre meine jungen jüngeren Mitbrüder und Ko-Zelebranten.

Mit dem Metropoliten von Ost-Amerika und New York Ilarion sprach Tatjana Weselkina

5. Mai 2014

Foto: Leser Petr Lukjanov (Pressedienst der ostamerikanischen Eparchie)

Quelle des Interviews: http://www.pravoslavie.ru/put/70340.htm

(Übersetzung: put)

 

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